Ich mag die nicht

Dürfen Protagonisten unsympathisch sein?

Was machst du, wenn du die Hauptfigur des Romans, den du gerade liest, absolut unsympathisch findest? Und wie wirkt sich das darauf aus, ob dir das Buch gefällt oder nicht?

Auf diese Frage brachte mich ein Roman, den ich kürzlich las. Darin war mir die Protagonistin sowas von unsympathisch, da hatte, wenn ich ehrlich bin, das Buch keine Chance, von mir gemocht zu werden.

Aber was heißt das für uns, die wir schreiben? Müssen unsere Protas immer sympathisch sein? Doch wohl nicht, oder was denkst du? Neulich schrieb mir eine befreundete Autorin auf eine meiner Rezensionen, sie möge gerade solche Figuren, die nicht „weichgespült“ sind, die Ecken und Kanten haben und eben auch Charakterzüge, die unfreundlich sind oder gar abstoßend. Da bin ich ganz ihrer Meinung, denn solche Charaktere sind absolut spannend, wohingegen die Figuren, die alles richtig machen, keinen Fehler haben und keine Kratzer auf ihrer Weste, die sind doch eher langweilig.

Aber auch ein fehlerbehafteter Charakter (wobei man noch darüber streiten könnte, was ein „Fehler“ im Charakter überhaupt ist) kann sympathisch sein, vielleicht sogar gerade deswegen. Jedoch war genau das eben die Krux in besagtem Roman, die Figur war mir so fremd, so unsympathisch, dass ich daher auch kein Interesse für ihre Geschichte aufbringen mochte – mal abgesehen davon, dass die erzählte Geschichte auch ihre wirklich großen Schwächen hatte.

Also dürfen unsere Figuren Makel haben, dunkle Flecken auf ihrer Seele, und werden gerade dadurch interessant und spannend. Diese Fehler aber, wenn wir es denn so nennen wollen, sollten gut und vor allem nachvollziehbar ausgearbeitet sein, wenn wir schreiben. Das soll heißen, wir müssen unsere Figur so gut kennen, dass wir wissen, woraus dieser „Fehler“ resultiert, warum sie ist wie sie ist. Denn nur dann, davon bin ich zutiefst überzeugt, können wir unsere Figur so darstellen, dass unsere Leser:innen sie trotz dieses Makels mögen und ihrer Geschichte gebannt folgen.

Wenn – und da bleibe ich mal bei dem Beispiel des erwähnten Romans – unsere Prota immer mehr Geld verdienen will und diesem Ziel alles unterordnet, dann will ich als Leserin wissen, warum sie dieses Ziel hat. Im Übrigen gilt das natürlich für alle Ziele, die wir unseren Figuren geben: es muss unbedingt nachvollziehbar sein, warum sie dieses Ziel haben, was ihre Motivation ist. Denn sonst wird sie sofort unglaubwürdig, man fragt sich beim Lesen immer wieder, warum sie tut was sie tut, sie könnte es doch genauso gut auch bleiben lassen, ohne deswegen weniger glücklich zu sein.

Nein, wenn wir ihr ein solches Ziel geben, also die Besessenheit, immer mehr Geld zu verdienen, dann könnte es vielleicht darin begründet sein, dass sie in der Kindheit in Armut lebte und das niemals wieder erleben will. Sie hat möglicherweise eine Mutter, die sich für sie aufgeopfert hat, die alles gab und schließlich – wir wollen es ja auf die Spitze treiben – daran zugrunde ging. Und so hat sich unsere Prota schon als Kind geschworen, dass sie einmal reich werden würde. Dem wird alles untergeordnet, dafür verzichtet sie auf Liebe und vieles andere. Wenn wir in unserer Geschichte das gut rüberbringen, dann wird die Leserin unsere Prota mögen, mit ihr mitfiebern und Empathie empfinden.

Für mich folgt aus dieser Lese-Erfahrung, dass wir uns noch viel mehr Mühe geben müssen mit unseren Figuren. Dann dürfen sie auch mal unsympathisch sein und die Leser:innen mögen unsere Bücher trotzdem.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.