Was ich nicht weiß

Für diesen Blogbeitrag habe ich wie immer vorher recherchiert. Das schien mir diesmal auch besonders angeraten. Denn diesmal geht es um das Thema Recherche.

Wie hältst du es mit Recherchen? Blendest du das komplett aus und schreibst grundsätzlich nur über Themen, in denen du dich selbst bestens auskennst? Und wie viel Recherche ist angebracht für deinen Roman bzw. deine Kurzgeschichte? Hier schon mal die beste (und vermutlich am wenigsten hilfreiche) aller Antworten: so viel wie möglich, aber nicht mehr als nötig.

Wo, wie, wann?

Recherchierst du ausschließlich online und vertraust Wikipedia & Co. blind? Suchst du Rat auf die konservative Weise und besuchst Bibliotheken? Oder kennst du zu deinen Themen, über die du schreibst, jeweils den allwissenden Experten oder die bewanderte Expertin?

Ist es dir peinlich, jemanden anzusprechen und um Auskunft zu einem Thema zu bitten? Die meisten Menschen reden gern über Dinge, die ihnen wichtig sind, Fähigkeiten, die sie beherrschen oder Kenntnisse, die sie haben. Daher werden sich vermutlich die wenigsten Experten, die du zu einem Thema befragen möchtest, dem verweigern. Wenn, dann aus Zeitgründen, nehme ich an. Oder – aber das ist doch sicher eine seltene Ausnahme – weil sie etwas zu verbergen haben.

Trotzdem, wenn du nur ein kleines Lichtchen, ach was, ein Nanolichtchen am Autorenhimmel bist, kostet es schon Überwindung, jemanden einfach so anzusprechen. In Familie- und Freundeskreis, wo vermutlich alle von deinem Schreiben wissen, geht es ja noch. Aber einen Fremden? Also z.B. einen Arzt – nicht jeder hat einen in der Familie – den du zu diversen Vergiftungsmethoden befragen willst. Auch auf das Risiko hin, dass er umgehend die Polizei ruft…

Nun, während der Sprechstunde danach zu fragen, ist sicher ungeschickt und nicht opportun. Entweder wirft er dich gleich raus oder er fängt an zu dozieren, solange bis die Patienten im Wartezimmer revoltieren.

Aber der Reihe nach

Wann musst du eigentlich recherchieren? Blöde Frage. Natürlich dann, wenn du etwas nicht weißt. Aber wie ist es zum Beispiel, wenn du deinen Roman in einer erdachten Welt spielen lässt, wo, was und wie recherchierst du dann? Also nochmal: wann musst du recherchieren?

In jedem Fall solltest du deine Recherchen planen. Am besten hast du deinen Plot zumindest in groben Zügen ausgearbeitet, bevor du dir Gedanken über die nötigen Hintergrundinformationen machst. Denn, so sehe ich das, der Plot geht vor und während du ihn skizzierst, ergeben sich von ganz allein die offenen Fragen. Andererseits bin ich auch davon überzeugt, dass die Ergebnisse deiner Recherche deinen Plot durchaus verändern können oder sogar Veränderungen unumgänglich machen. Beispiel: Deine Heldin besucht eine Schule für Schwertkampf. Zu der Zeit, in der deine Geschichte spielt, waren Frauen aber zu solchen Schulen überhaupt nicht zugelassen. Ergo, du musst deinen Plot umgestalten, entweder sucht sie sich eine andere Beschäftigung oder deine Heldin wird dank deiner Fantasie zur ersten Frau in einer solchen Schule. Da haben wir Autoren doch einen wirklich entscheidenden Vorteil gegenüber Reportern oder Journalisten, wir können unsere Geschichten jederzeit ändern und den Gegebenheiten anpassen. Oder wir passen die Gegebenheiten der Geschichte an, auch das steht uns schließlich frei.

Auch mal schummeln?

Und wenn du deinen Plot nicht ändern willst und deine Heldin sich vom Schwertkampf nicht abbringen lassen will? Na und, dann lässt du es so, wie du es von Anfang an schreiben wolltest. Wenn wir mal annehmen, dass dein Roman unglaublich fesselnd und spannend ist, dann wird voraussichtlich keine Leserin die Lektüre unterbrechen, um nun ihrerseits zu recherchieren, ob alles in deiner Geschichte wissenschaftlich korrekt wiedergegeben wurde. Und sollte die Leserin zufällig Historikerin mit einem Doktortitel in Schwertkampf sein und es dir unter die Nase reiben? So what? Dann bedanke dich freundlich bei ihr und berufe dich auf die dichterische Freiheit. Deswegen schreiben ja so viele Autoren in ihren Vor- oder Nachworten, dass alle Fehler in ihren Romanen ihnen und nicht ihren Ratgebern anzulasten sind. Denn das ist nun mal so: du bist Herrin deiner Geschichte und deswegen auch für allen Blödsinn, den du schreibst, selbst verantwortlich.

Ich erinnere mich beim Thema recherchieren immer an meine Erzählung, die ich zur hundertsten Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkriegs schrieb. Diese Geschichte verlangte im Vorfeld sehr viel Recherche, dabei ging es mir aber gar nicht um Fakten, Daten oder Zahlen, sondern ich wollte ein Gefühl dafür bekommen, wie die Menschen den Krieg erlebten, was und wie sie litten. Besonders beeindruckend war ein Besuch in einem ehemaligen „Irrenhaus“, wo die Soldaten behandelt wurden, die mit psychischen Schäden vom Schlachtfeld zurückgekehrt waren.  Am Ende waren diese Erfahrungen, die Bilder und Filme, die ich mir dazu angesehen hatte, daran schuld, dass ich meine Geschichte völlig anders schrieb, als ich es geplant hatte. Aber dank der Recherchen – sorry, wenn das jetzt ein wenig pathetisch klingt – „floss“ sie geradezu aus mir heraus, so als ob ich das, was ich gesehen hatte, irgendwie in Worte fassen musste.

Mit dieser Erwähnung meiner eigenen Erfahrungen möchte ich dich nicht langweilen, sie sollen nur zeigen, dass Recherchen durchaus dazu führen können, dass dein Plot komplett über den Haufen geworfen wird.

Immer nach Plan

Während du also plottest, macht es Sinn, dir ständig zu notieren, was du recherchieren musst (oder willst). Schreib dir aber nur wirklich wichtige Fragen auf. Welche Farbe die Augen vom Feldherrn in der Schlacht von Niederoberkleckersdorf im Jahr 1737 hatten, ist vielleicht nicht ganz so entscheidend, es sei denn, deine Heldin verfällt dem gutaussehenden General wegen ebendieser Augen…

Wenn du dann deine Fragenliste vor dir liegen hast, ergibt sich von ganz allein, dass du sie nach Sachgebieten sortierst und gleichzeitig danach, wo du die Antworten findest. Also Internet, Bibliothek, Fachleute usw. Bevor du dich dann auf den Weg machst, ist es ebenfalls ratsam, sich so gut wie möglich vorzubereiten. Insbesondere, wenn du den oben erwähnten Arzt aufsuchen möchtest oder vielleicht mit einem Kriminalbeamten über erfolgreiche Totschlagsmethoden oder die probatesten Mittel zum Öffnen eines Tresors reden willst. Schreib dir genau auf, was du wissen willst, recherchiere im Vorfeld bereits selbst zu deinem Thema, auch, damit du dich mit völlig absurden Fragen nicht vollends blamierst. Dabei solltest du aber vielleicht nicht so weit gehen und die diversen Möglichkeiten, jemanden totzuschlagen, auch vorher auszuprobieren…

Denn schließlich willst du ihn oder sie ja nicht länger als unbedingt nötig aufhalten, immerhin könnte es ja sein, dass du die Kenntnisse dieses Menschen bei deinem nächsten Roman wieder benötigst.  Dabei hilft es übrigens enorm, wenn du die Fachfrau, die dir stundenlang etwas über Gewinnung, Absatz und Wirkung von Leinöl erzählt hat, im Nachwort zu deinem Roman oder deiner Anthologie dankend erwähnst – und ihr vielleicht sogar ein Exemplar zukommen lässt.

Und wann ist es genug?

Nachdem du mit besagter Fachfrau Tage in traulicher Klausur verbracht hast und nun selber über dieses Thema eine Doktorarbeit schreiben könntest, musst du dich aber ja auch noch zu anderen Themen, die in deiner Geschichte von Belang sind, schlau machen. Also suchst du als nächstes den Professor für Schmiedekunst auf, damit er dir beibringt, wie man ein Schwert für die oben erwähnte Schwertkampfschülerin schmiedet. Danach ergibt es sich von selbst, dass du jetzt natürlich auch selbst ein solches Schwert einmal schwingen können musst. Also ab in eine entsprechende Schule. Und dann? Spätestens dann meine ich, dass du es übertreibst und es nun wirklich reicht.

Das ist nämlich die Gefahr beim Recherchieren: man schießt über das Ziel hinaus. Und noch was: Recherche ist eine herrliche Ausrede fürs Prokrastinieren! Mehr muss ich dazu nicht sagen, oder?

Also ist der Satz vom Anfang doch nicht falsch: so viel Recherche wie möglich, aber nicht mehr als unbedingt nötig.

Selbstkontrolle

Was ich aber für unerlässlich halte beim Schreiben ist, sich ein Bild vom Ort des Geschehens zu machen, die Landschaft oder Stadt auf sich wirken zu lassen. Dabei finde ich besonders Geräusche wichtig, und Gerüche, die sich mit dem Platz verbinden, welche Aussichten hat man von dort, wie fühlt es sich an, an dieser Straßenecke zu stehen, welche Empfindungen weckt es in mir, die Reste der abgerissenen Häuser zu sehen und so weiter. Wenn du dich in solch einen Ort hineinfühlen kannst, kannst du ihn auch so beschreiben, dass deine Leser*innen ihn ebenfalls fühlen können.

Schließlich und endlich kannst aber nur du entscheiden, wann deine Recherchen abgeschlossen sind. Für eine Autorin, die in einer Familie von Schmugglern aufwächst, gibt es zu diesem Thema vermutlich keine offenen Fragen mehr. Für uns andere (hoffentlich) schon. Aber irgendwann ist es eben genug und die Information, die wir haben, reicht völlig, um unsere Geschichte spannend zu Papier zu bringen. Was du hier also brauchst, ist diese schreckliche Etwas. Man nennt es Disziplin …

Denn irgendwann solltest du ja schließlich mit dem Schreiben beginnen. Wenn dabei unterwegs noch irgendwelche offenen Punkte auftauchen, die unbedingt weiterer Recherchen bedürfen, notiere es dir, markiere die entsprechende Textstelle und schreibe weiter. Sonst läufst du Gefahr, aus dem „Fluss“ zu kommen und dich, s.o., wieder in der Flut der Informationen zu verlieren. Und außerdem, vergiss nicht: schummeln ist erlaubt.

Wie immer gibt es zum Thema Recherche viele andere schlaue Leute, die dazu etwas geschrieben haben und ihre liebsten Fundorte auflisten. Und wie immer empfehle ich hier besonders Andreas Eschbach. Schau mal auf seine Webseite.

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