Camilla Barnes – Keine Kleinigkeit

⭐⭐⭐⭐⭐

Eigentlich eine ganz normale Familie – doch diese Ehe hat es in sich

Ein Roman, in dem nicht viel geschieht, der aber doch fesselt wie ein guter Krimi – das zu schreiben ist schon eine Kunst. Gelungen ist dies der in Paris lebenden Engländerin Camilla Barnes direkt mit ihrem Debüt.

Auch wenn sich nicht alles um ihn dreht, den Gefrierschrank mit Namen „Boswell“, so ist er doch symptomatisch für diese Familie, diese Ehe. Seit 20 Jahren leben die britischen Eheleute nun bereits in Frankreich, er pensionierter Oxford-Professor, sie widerspenstig, stets mäkelnd und immer wieder den Krieg erwähnend, als hätte sie ihn miterlebt.

Aus der inzwischen 50 Jahre bestehenden Ehe sind zwei Töchter hervorgegangen. Charlotte lebt in England, ist beruflich sehr erfolgreich und Mutter zweier erwachsener Söhne. Miranda, von Beruf Schauspielerin, hat eine Tochter und arbeitet in Paris am Theater, sie hat gerade ein erstes Drehbuch verfasst auf Basis von „König Lear“.

Immer wieder fährt sie mit der Bahn zu den Eltern, was sie stets Überwindung kostet. Von dem, was sie dort erlebt, erzählt sie Charlotte in unterhaltsamen Briefen, die Zeugnis davon ablegen, was zwischen den Eheleuten abläuft. Das ist wirklich skurril, absurd und doch so realistisch, dass man beim Lesen meint, mit am Tisch zu sitzen, wenn Mann und Frau komplett aneinander vorbeireden, fast immer genau das Gegenteil dessen tun, was der andere möchte.

Wie beispielsweise die Tierhaltung des Vaters, die von der Mutter nicht nur nicht unterstützt wird, sondern irgendwann regelrecht sabotiert. Wie die uralten Vorräte in besagtem „Boswell“, die für immer aufgehoben werden, weil „im Krieg wäre man dankbar dafür gewesen…“.

Zwischen die aus Sicht von Miranda geschilderten Ereignisse eingefügt sind Rückblicke aus der Perspektive der Mutter. Hier wird ihre Geschichte erzählt, ihr Aufwachsen in einer sehr konservativen Familie, ihr erstes Ausbrechen für das Studium, ihre ersten Beziehungen zu Kommilitonen, ihre Begegnung mit ihrem späteren Ehemann. Anhand dieser Rückblicke beginnt man, sie zu verstehen, ahnt, warum sie heute so ist wie sie ist.

Das Ganze liest sich sehr flüssig, man hat Spaß an den Wordduellen der Eltern, ist fasziniert von der Weltsicht der jungen Frau in den 60er Jahren, genießt die unterhaltsamen Briefe Mirandas und nimmt so Teil am Leben einer doch eigentlich ganz normalen Familie.

Dass dieser Roman dennoch so fesselt, dass man die Seiten nicht schnell genug umblättern kann, ist da verwunderlich, denn viel geschieht nicht. Vieles innerhalb des Handlungsstrangs der Gegenwart spielt sich in Gesprächen und Dialogen ab, während die Vergangenheit erzählt wird in Form von Briefen der Mutter an eine Kitty, die sie Schwester nennt.

Dieses Buch kann ich vollumfänglich empfehlen, zumal es so angenehm aus dem üblichen Einerlei der Lektüren heraussticht.

Camilla Barnes – Keine Kleinigkeit
Originaltitel: The Usual Desire to Kill
aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
Piper, April 2026
Gebundene Ausgabe, 253 Seiten,  24,00 €

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