
Spröde Protagonistin, ein verworrener Fall und wenig Spannung
Am Untertitel dieses Buchs kann man schon erkennen, dass dies als Reihe ausgelegt ist, man also mit weiteren von der Therapeutin Pat Phillips gelösten Mordfällen zu rechnen hat. Doch war dieser erste Fall nicht wirklich fesselnd genug, um mir Lust auf Fortsetzungen zu machen.
Ein Mann stürzt von den Klippen. Er ist nicht der Erste und wird vermutlich auch nicht der Letzte sein, denn diese Klippen locken viele Selbstmörder:innen an. Daher geht die Polizei auch unverdrossen davon aus, dass es sich auch beim Tod von Henry Clayton um Suizid handelt.
Anders als seine Therapeutin, die in an seinem Todestag eigentlich zu einer Sitzung erwartet hatte. Sie ist überzeugt, dass er ganz und gar nicht selbstmordgefährdet war und daher der Sturz nur Mord gewesen sein kann. Also beginnt sie selbst zu ermitteln, unterstützt von ihrem Nachbarn und Freund Prichard.
Pat ist über 60, geschieden und hat eine erwachsene Tochter. Ihre beste Freundin ist Anwältin Sue. Pat hat früher in London gelebt, genießt aber nun die Ruhe im kleinen Ort an den Klippen. Sie ist ein bisschen sonderbar, sammelt den Müll anderer auf den Wanderwegen auf, geht jeden Morgen im eiskalten Meer baden und legt sich auch schon mal mit Hundebesitzerinnen an, deren Hunde die Schafe auf der Weide jagen.
So ist Pat nicht übermäßig beliebt im Ort und auch die Neuzugezogenen mögen sie nicht unbedingt, was durchaus auf Gegenseitigkeit beruht. Da lässt sich Pat auch schon mal von ihrer Animosität zu Verdächtigungen verleiten. Vor allem aber verdächtigt sie Henrys On- und Off-Freund Derek, der Mörder zu sein.
Das Ganze wird eher betulich erzählt, wobei „erzählen“ in der Tat die beste Beschreibung ist. Das berühmte „Show, don’t tell“ scheint die Autorin gerne mal zu ignorieren, denn es gibt viele sehr lange Strecken, in welchen viel erzählt wird, aber wenig geschieht. Das mag auch daran liegen, dass in einem ersten Band einer geplanten Reihe nun mal die Protagonistin ausführlich vorgestellt werden muss, dennoch waren mir die Passagen oft zu lang und zu langweilig.
Die Protagonistin selbst ist nicht unsympathisch, aber sehr spröde und unnahbar, es fällt schwer, sich in sie einzufühlen, mit ihr zu fühlen. Auch als, wie in solchen Romanen gang und gäbe, sie schließlich vom wahren Mörder bedroht wird und in Lebensgefahr gerät, bleibt man beim Lesen irgendwie unbeteiligt, unberührt.
Vollends verärgert hat mich die Autorin, die im Übrigen selbst Therapeutin ist, allerdings mit der schamlosen Werbung für ein anderes von ihr verfasstes Buch im Text, als die Prota dies Buch ihrer Tochter ausführlich empfiehlt und mehr als eine halbe Seite davon schwärmt.
Die Übersetzung war zusätzlich ein wenig dürftig („dies stand dort, jenes stand hier und daneben stand etwas anderes“ und ähnliche eintönig formulierte Sätze), wobei ich natürlich nicht weiß, ob das auch schon im Original so war. Dennoch hätte hier ein Lektorat Abhilfe schaffen können.
Fazit: Nicht ganz gelungener, aber auch nicht völlig misslungener Kriminalroman.
Philippa Perry – Die Therapeutin und ihre Mörder: Dr. Pat Phillips und der tote Klient
Originaltitel: Shrink Solves Murder
aus dem Englischen von Elke Link
Ullstein, Mai 2026
Taschenbuch, 351 Seiten, 17,99 €