Kategorie: Rezension
Robert Galbraith – Böses Blut

1195 Seiten – und keine davon langweilig. Und dass, obwohl doch manch eine Szene, manch ein Handlungsstrang redundant zu sein scheint; ja auch bei J.K. Rowling, die die Reihe um den Detektiv Cormoran Strike unter dem Pseudonym Robert Galbraith schreibt. „Böses Blut“ ist der fünfte Band dieser Reihe, die auch eine Serie ist, denn auch wenn man jeden Band für sich lesen kann, nimmt doch vieles in der Handlung Bezug auf frühere Geschehnisse, entwickeln sich die Protagonisten von Band zu Band weiter.
Der aktuelle Fall von Cormoran Strike und seiner Partnerin Robin Ellacott ist eigentlich ein gerade eben nicht aktueller. Anna Phipps engagiert sie, um nach dem Verbleib ihrer vor 40 Jahren verschwundenen Mutter zu suchen. Die Ärztin Margot Bamborough verschwand 1974 auf dem Weg aus ihrer Praxis zu einem Treffen mit ihrer besten Freundin. Nie wurde geklärt, was mit ihr geschah. Verdächtigt wurde ein zu dieser Zeit gesuchter und später überführter Serienkiller, der unter bestialischen Umständen Frauen entführte, folterte und tötete. Doch er hatte nie zugegeben, auch Margot Bamborough getötet zu haben.
(mehr …)Peter Høeg – Durch deine Augen

Wie in den beiden anderen Romanen des Autors, „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ oder „Der Susan-Effekt“, so steht auch in dem neuen Buch eine Wissenschaftlerin im Mittelpunkt des Geschehens. Lisa, so ihr Name, hat eine Methode entwickelt, das Bewusstsein sichtbar zu machen durch Licht. Dabei werden die Dinge, die sich im Unterbewussten festgesetzt haben und psychische oder physische Probleme verursachen, besonders hell und dadurch erkennbar. Und behandelbar. Lisa arbeitet in einem wissenschaftlichen Zentrum, in einem außerhalb der Stadt gelegenen Schloss, welches rund um die Uhr vom Geheimdienst bewacht wird.
Einer ihrer Patienten wird Simon. Simon hat versucht, sich umzubringen und sein Adoptivbruder Peter möchte den Grund dafür herausfinden und natürlich alles tun, damit Simon es nicht noch einmal versucht.
(mehr …)Mein Lesejahr 2020

Vielleicht bist du all die Jahresrückblicke, die immer um diese Zeit überall erscheinen, längst leid. Vielleicht freust du dich aber auch, wenn ich dir noch einmal ein paar richtig gute Bücher empfehle. Heute habe ich für dich die Bücher, die mich im Jahr 2020 am meisten beeindruckt haben, auf meinem liebsten Lesesessel ausgebreitet. Mich dabei zahlenmäßig zu beschränken fiel mir gar nicht leicht, denn es waren viele wirklich lesenswerte Schmankerl unter den genau 100 (kein Scherz) Büchern, die ich in diesem Jahr lesen durfte, egal ob Roman, Kurzprosa oder Sachbuch. Aber du hast ja jederzeit die Möglichkeit, im gesamten Blog zu stöbern und deine eigenen Favoriten zu entdecken.
(mehr …)Eric Barnert & Michael Kibler (Hrsg.) – Banken, Bembel und Banditen
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Als ich diesen Titel las, war es für mich als gebürtige Frankfurterin natürlich ein Muss, diese Sammlung von Krimi-Kurzgeschichten, die alle im Rhein-Main-Gebiet spielen, zu lesen.
In meinen Augen sind Krimis in Form von Kurzgeschichten eine echte Herausforderung. Muss der Autor doch auf wenigen Seiten die Ausgangssituation, die Handlung und die Lösung erfassen, dabei ausreichend Spannung aufbauen und das Ganze noch in einem guten, passenden Schreibstil präsentieren. Schon allein deswegen haben Autor:innen von Kurzkrimis meine Hochachtung. Auch wenn es sicher nicht allen gleich gut gelingt. So treten doch immer wieder auch Stereotypen auf oder zu klassische Handlungsstrukturen.
Andere jedoch, ich meine hier die Autoren aus dem vorliegenden Band, darunter vor allem Uli Aechtner, Dieter Aurass, Ella Theiß und Fenna Williams, um nur eine Auswahl zu nennen, schaffen skurrile, spannende Geschichten mit witzigen Plotideen und überraschenden Auflösungen.
(mehr …)Christa Pöppelmann – Deutschland für Dummies

Wer gerne Trivial Pursuit oder Quizduell spielt, wird froh sein, dieses Buch zur Hand zu haben. Auch hilft es sicher bei schleppendem Partytalk, wenn man mit nützlichem oder unnützem Wissen glänzen möchte.
Das im üblichen Dummies-Stil gestaltete Buch von Christa Pöppelmann versorgt die Leserin mit interessantem Allgemeinwissen, aber auch mit spannenden Details oder witzigen Anekdoten über unser Heimatland. 15 Kapitel, zusammengefasst in vier Teilen mit den Überschriften „Steckbrief Deutschland“, „Grundlagen im Wandel“, „Alltägliches und Besonderes“ sowie „Der Top-Ten-Teil“, stellen Deutschland aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln vor. Nach einer Darstellung der wichtigsten trockenen Fakten – Bevölkerung, Statistiken zu Beschäftigung, Geschlecht, Alter usw. – wird Geschichtliches erläutert, Exekutive, Legislative etc. erklärt und sehr gut strukturiert viele Fragen beantwortet, die sich vermutlich jeder schon mal stellte. So geht es um Migration und Integration, um Bildung, um die Digitalisierung, Kriminalität, Medien und vieles mehr. Dabei sind die Texte nicht in trockener, spröder Form präsentiert, sondern in gut lesbarem Stil, frisch und flott, wie man es von der Reihe gewöhnt ist.
(mehr …)Esther Safran Foer – Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind

Der Titel des Buchs ist die Botschaft, die Esther Safran Foer ihren im Holocaust getöteten Familienmitgliedern an deren Grab zuruft. Sie, ihre Kinder und deren Kinder, sie sind noch da und halten die Geschichte der Familie am Leben.
In diesem sehr intensiven und sehr persönlichen Buch erzählt die Autorin – sie ist die Mutter des Bestsellerautors Jonathan Safran Foer („Wir sind das Klima“) – vor allem die Geschichte ihrer Eltern.
Esther Safran Foer wird 1946 geboren, doch erst viele Jahre später, als Erwachsene, erfährt sie, warum in ihrer Geburtsurkunde ein falsches Datum und ein falscher Geburtsort genannt sind. Ebenso wie sie erst als Erwachsene durch Zufall lernt, dass ihr Vater, der 1954 starb und nie über sich oder seine Vergangenheit sprach, eine weitere Familie hatte. Dass seine erste Frau und seine Tochter – ihre Halbschwester – im Holocaust ermordet worden waren.
Diese Tatsache, doch nicht nur diese, sind für sie Motiv und Anlass für eine Reise in die Vergangenheit. Sie will herausfinden, wie ihr Vater den Holocaust überlebte, wer ihn rettete und wieso er nie von seiner ersten Familie sprach, sprechen konnte. Wie so viele machte auch Esther Safran Foer die Erfahrung, dass die Generation ihrer Eltern mit ihren Kindern nicht über den Holocaust, die Verluste und das Leid, das sie erlitten hatten, sprechen kann. Ihren Enkeln jedoch können sie davon erzählen, da ist das Thema kein Tabu, keine im Herzen und im Gedächtnis eingeschlossene Erinnerung.
Bevor Esther Safran Foer, mit nicht mehr als einem alten Foto und einer handgezeichneten Karte, aber diese Reise in die Ukraine, woher ihre Familie ursprünglich stammte, antritt, verfolgt sie viele andere Spuren, um mehr über die großen Familien ihrer Mutter und ihres Vaters zu erfahren.
(mehr …)Mhairi McFarlane – Aller guten Dinge sind zwei

Was kann man Besseres über einen Roman sagen, als dass man sich die halbe Nacht um die Ohren schlug, weil man ihn nicht aus der Hand legen konnte? Genau so erging es mir mit dem neuen Buch der schottischen Autorin, ihrem sechsten Roman. Mit ihren ersten fünf Romanen war es ebenso gewesen. Sie kann einfach unglaublich gute Bücher schreiben.
Gemeinhin wird diese Art von Romanen dem Genre „Chick-Lit“ zugeordnet, soll heißen, es geht um eine Liebesgeschichte, in deren Mittelpunkt eine junge Frau Mitte Dreißig steht. Meist beginnt die Geschichte damit, dass besagte Frau von ihrem bisherigen Partner verlassen wird, dass sie geringes Selbstvertrauen hat, weil sie sich bislang mehr oder weniger über ihren Partner definierte. Nur wenige der in dieses Genre eingereihten Romane sind aber so spannend und so gut geschrieben wie die von Mhairi McFarlane.
Im vorliegenden Buch ist es Laurie, deren langjähriger Freund Dan, nachdem er stets verkündet hatte, er wolle weder heiraten noch Kinder haben, ihr eröffnet, er habe eine Affäre mit einer anderen Frau, die nun ein Kind von ihm erwarte. Natürlich ist Laurie schwer geschockt, nach 18 Jahren plötzlich wieder als Single dazustehen. Erschwerend kommt hinzu, dass Dan und sie in derselben Anwaltskanzlei arbeiten, sich also ständig über den Weg laufen. Da kommt ihr der Zufall zu Hilfe in Form eines blockierten Aufzugs, in dem sie ein paar Stunden lang mit dem Kollegen Jamie festsitzt. Jamie ist der unbeliebteste Anwalt in der Kanzlei, denn er gilt als ehrgeizig, eitel und als Frauenverschlinger.
(mehr …)Uli Aechtner – Leise rieselt der Tod

Ein Krimi mit allen erforderlichen Zutaten: eine gewisse Zahl an Leichen, sehr viele Verdächtige, ein bisschen Liebe, ein ganz klein wenig Humor und eine Hobbydetektivin, die sich schließlich selbst in Gefahr bringt. Das Ganze rund ums Weihnachtsfest in einem alten Herrenhaus, welches in einem winzigen Dorf steht, das dann auch noch zeitweilig von der Außenwelt abgeschnitten ist.
Zur Handlung: die frisch getrennte Jenny findet über Weihnachten Unterschlupf bei ihrem Kindheitsfreund Tom, der gerade in besagtes, noch weitgehend unmöbliertes Herrenhaus gezogen ist. Dort eröffnet er eine Arztpraxis, die aber bislang wenig Zulauf hat. Am Abend ihrer Ankunft stolpert Jenny vor der Haustür über ihre erste Tote, eine Zeitungsausträgerin im Weihnachtsmannkostüm. Weil Jenny nun fürchtet, dass ihr Freund Tom in Verdacht gerät, der Mörder zu sein, beginnt sie auf eigene Faust zu ermitteln. Ihre Recherchen führen sie zuerst auf den „Seelenhof“, wo ein Weihnachtsflirtkurs abgehalten wird. Natürlich sind erstmal alle Teilnehmer des Kurses schwer verdächtig, in den Mord verstrickt zu sein.
(mehr …)Jonas Jonasson – Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte

Wieder hat der Autor des „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg“ eine herrliche Satire vorgelegt, ein furioser Spaß mit absurden Verstrickungen und kuriosen Verwicklungen und vor allem mit genial verrückten Figuren.
Zwar schießt Jonas Jonasson manches Mal über das Ziel hinaus, verläuft sich in Nebenhandlungen und verliert den Faden im Gewirr der Geschicke seiner Charaktere, aber das trübt nicht die Freude bei der Lektüre seines neuesten Machwerks.
Es gibt viele verschiedene Handlungsstränge, die dennoch zu einem haltbaren Konstrukt verwebt sind. Da haben wir den Kunsthändler Viktor, der sich auf üble Weise die Kunsthandlung seines Schwiegervaters erschleicht, dann aber unmittelbar nach dessen Tod seine Frau, die Tochter ebendieses Kunsthändlers, quasi mittellos vor die Tür setzt. Da haben wir Kevin, den möglicherweise Sohn von Viktor, den seine Mutter kurz vor ihrem Tod in Viktors Obhut gibt, was diesem jedoch keineswegs in den Plan passt. Also setzt Viktor Kevin, als dieser kurz vor der Volljährigkeit steht, mitten in Afrika in der Savanne aus, hoffend, die hungrigen Löwen würden sein Problem lösen. Und schließlich haben wir Ole Mbatian, den Medizinmann der Massai, der den ihm von Gott gesandten Sohn Kevin zum fähigsten Massai des Dorfes ausbildet. Kevin, Ole und Jenny, Viktors betrogene Ex-Frau, schließen sich zusammen, um gemeinsam mit Hugo, dem Direktor der „Rache ist süß GmbH“, an Viktor ausgiebig und genüsslich Rache zu nehmen.
(mehr …)Louise Doughty – Ein Roman in einem Jahr: Eine Anleitung in 52 Kapiteln

Entstanden ist dieses Buch aus einer wöchentlichen Kolumne, die Louise Doughty im Daily Telegraph veröffentlichte. Hier führte sie Schritt für Schritt durch das Entstehen eines Romans.
Dabei beschränkt sie sich nicht auf die üblichen technischen Anleitungen hinsichtlich Plot, Dialogen oder Figuren. Ihr geht es vielmehr darum, Menschen, die gerne schreiben möchten, die einen ganzen Roman verfassen möchten, auf den Weg zu bringen. Sie lässt dabei beispielsweise auch die „Schrecknisse“ nicht unerwähnt. So zitiert sie den australischen Autor Elliot Perlmann, der auf die Frage, welchen Rat er jemanden geben würde, der einen Roman schreiben wolle, erwidert: „Überleg dir, was du zu opfern bereit bist.“ (S. 10).
(mehr …)Ingrid Retterath – Schlösser und Burgen in der Eifel

Ein schmaler Band, der reich bebildert die schönsten Burgen, Burgruinen und Schlossanlagen zwischen Aachen und Trier vorstellt, dabei auch über die Grenzen zu Belgien und Luxemburg schaut.
Mehr als 30 Bauwerke zeigt uns die Autorin, erfasst in alphabetischer Reihenfolge. Dabei erzählt sie zu jeder Burg deren Geschichte, natürlich verkürzt, aber doch das Wichtigste, Interessanteste sowie die eine oder andere Anekdote. Also gerade so viel, wie ein künftiger Besucher des Gebäudes vorab erfahren möchte, um nicht ganz unwissend die Fahrt zu der mächtigen, teils geschickt restaurierten Burg oder dem malerischen Schloss anzutreten.
(mehr …)Ulrich Kirstein & Tina Rauch – Die 100 besten Bücher der deutschsprachigen Literatur für Dummies

Was für ein sperriger Titel für so ein unterhaltsames Buch. Jetzt weiß ich wieder, warum ich die „für Dummies“-Bücher so mag: sie sind locker-flockig geschrieben, eröffnen auf übersichtliche Art und in klarer Struktur den Blick auf Neues oder Altbekanntes.
So auch das vorliegende Buch, in dem die beiden Autor:innen, wie sie herrlich flapsig im Vorwort erläutern, ganz nach eigenem Gusto die 100 besten Bücher aus dem deutschsprachigen Raum versammeln. Sie decken mit ihrem Kanon fünf Jahrhunderte ab und entdecken dabei durchaus nicht nur die üblichen, immer auf solcherart Listen erscheinenden Bücher, sondern auch echte Schätzchen.
Der Aufbau oder besser die Aufstellung der Bücherliste erfolgt jedoch nicht, wie man es sonst meist gewöhnt ist, schlicht in chronologischer Reihenfolge. Nein, Kirstein und Rausch haben die 100 Bücher in 10 Kapitel, man könnte auch sagen Kategorien eingeordnet. Diese thematischen Kapitel haben so verheißungsvolle Überschriften wie Humor und Melancholie oder Abenteuer und Spannung oder Hin und weg. Diese Kapitel wiederum sind in drei Teilen zusammengefasst, die ebenfalls mit Überschriften versehen wurden, die die Leserin wirklich in das Buch hineinziehen. Da gibt es Stoff für Gefühlvolle, für Nervenstarke und für Neugierige.
(mehr …)Diane Setterfield – Was der Fluss erzählt
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„Es war einmal ein Wirtshaus …“ (S. 11). So beginnt dieser märchenhafte Roman, der zugleich spannend, mystisch, amüsant, poetisch, fantastisch und sogar ein wenig gesellschaftskritisch ist.
Mit liebevollem Augenzwinkern sowie hin und wieder einem zarten Hauch von Ironie erzählt die Autorin von geheimnisvollen Ereignissen gegen Ende des 19. Jahrhunderts am Oberlauf der Themse. Es beginnt eines Abends in besagtem Wirtshaus, als ein schwer verletzter Mann die Schenke betritt, in den Armen ein kleines Mädchen. Sie ist tot, so hat es den Anschein und so beurteilt es auch Rita, die erfahrene und stets pragmatische Krankenschwester des Ortes. Doch das täuscht, die Kleine erwacht und von nun an steigt die Spannung von Seite zu Seite.
(mehr …)Elke Heidenreich – Männer in Kamelhaarmänteln : Kurze Geschichten über Kleider und Leute

„Protect me from what I want“ So steht es jetzt auf den T-Shirts einer Frau, die sich immer wünschte, mit einem Musiker zusammenzuleben und die bekam, was sie sich wünschte ….
Ein prickelndes, erfrischendes Potpourri aus Anekdoten, Erinnerungen und skurrilen Geschichten findet sich in dem neuen Buch der bekannten Autorin Elke Heidenreich. Sie erzählt aus ihrer Kindheit und der Zeit ihrer Pubertät, als Kleiderfragen dem Alter entsprechend lebenswichtig wurden. Sie berichtet von Treffen mit Berühmtheiten, zu denen sie völlig unpassend gekleidet erschien. So geschehen bei einem Interview mit Heinz Rühmann, bei dem sie zu einer ihrer eigenen Jeans eine geliehene Seidenbluse trug, was dazu führte, dass der Schauspieler sie während des Gesprächs völlig ignorierte. Elke Heidenreich blickt auch zurück auf ihre Beziehung zu ihren Eltern und besonders zu ihrem Vater, „der einzige Mann, der Kamelhaarmäntel tragen konnte“.
(mehr …)Mary Beth Keane – Wenn du mich heute wieder fragen würdest

Eine Familiengeschichte, eine Liebesgeschichte, eine Geschichte von Schuld und Verantwortung, all das ist dieser Roman. Ein Roman mit präzise ausgearbeiteten Figuren, lebensecht, sympathisch, mit Fehlern, Ängsten und Störungen, mit starken Persönlichkeiten und scheiternden Charakteren.
Kate und Peter wachsen auf als Nachbarskinder in einer Kleinstadt in der Nähe von New York. Ihre Väter sind beide Polizisten und haben kurz nacheinander die benachbarten Häuser in Gillam gekauft. Francis und Lena Gleeson haben drei Töchter, die jüngste ist Kate. Sie wird nur wenige Monate nach Peter geboren, dem einzigen Kind von Brian und Anne Stanhope. Während Lena in ihrer Familie zu Hause und mit Haushalt und der Erziehung der Kinder ausgelastet ist, kommt Anne nie wirklich im Kleinstadtidyll an und wird im Laufe der Jahre psychisch immer labiler. Das zeigt sich besonders in ihrem Umgang mit ihrem Sohn Peter und ihrer strikten Ablehnung seiner Freundschaft mit Kate. Schließlich ist genau das der Auslöser einer schlimmen Katastrophe, die das Ende der Freundschaft zwischen den Familien und die Trennung von Kate und Peter bedeutet. Sie verlieren sich aus den Augen.
(mehr …)Katja Kleiber – Sturm über der Eifel

Ein Schamane wird ermordet. In einem keltischen Heiligtum. In der Eifel. Geht es noch mystischer? Na klar. Eine Kräuterhexe ermittelt.
Das sind die Zutaten zu dem neuen Krimi von Katja Kleiber, dem zweiten mit der Hobbyermittlerin Ella Dorn, der sogenannten „Eifelhexe“. Der Ermordete war ein sanfter, vor allem bei Frauen sehr beliebter Mann, der mitten im „Goloring“, dem keltischen Heiligtum, erstochen aufgefunden wurde. Ella, die sich sehr zu dem Ermordeten Leo Schmidt hingezogen gefühlt hatte, ist erschüttert. Nach und nach versucht sie, die Motive zu ergründen und stellt viele neugierige Fragen an die Menschen in der Umgebung. Dadurch gerät sie schließlich selbst in große Gefahr.
Dabei ermittelt natürlich auch die Polizei. Und zwar in Person von Tanja Marx und Peter Claes. Beide kennen Ella bereits aus einem vorherigen Fall, eben dem im ersten Band geschilderten. Es gibt viele Spuren in Fall Leo Schmidt, etliche Menschen, bei denen Tanja und Peter ein Motiv vermuten. Erst langsam kristallisiert sich heraus, um was es wirklich geht.
(mehr …)Anja Wedershoven – Im Schatten der Kopfweiden

Ich durfte die Mönchengladbacher Autorin Anja Wedershoven 2013 kennenlernen, als ihr erstes Buch „Schürfwunden“ erschien. Das Romandebüt über die Umsiedlungen im Zusammenhang mit dem Kohletagebau Garzweiler hatte mich fasziniert und begeistert. Daher habe ich mich gefreut, als ich entdeckte, dass jetzt von ihr ein Krimi bei emons erschienen ist.
„Im Schatten der Kopfweiden“ erzählt von dem Mord an einer jungen Kinderärztin, die in Geldern am Niederrhein zwischen Mülltonnen gefunden wurde. In dem Fall ermittelt zusammen mit ihren Kollegen die junge, gerade aus Berlin in ihre alte Heimat zurückgekehrte Kommissarin Johanna Brenner. Ziemlich schnell kommen die Beamten auf die Spur eines Stalkers, der die Kinderärztin verfolgte und sie belästigte. Doch ist das der einzig mögliche Täter?
Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven berichtet, die manchmal etwas unvermittelt wechseln. Da ist einmal die Kommissarin, Johanna, die nicht so ganz freiwillig an den Niederrhein zurückkehrte. In Berlin, wo sie die letzten Jahre verbrachte, hatte es einen dramatischen Vorfall gegeben, der zu ihrer Versetzung führte. Zum anderen verfolgen wir die Handlung aus der Sicht von Axel, Johannas Kollegen, der ihr zunächst offen und freundlich begegnet, nach und nach aber doch auch Vorbehalte entwickelt.
(mehr …)Annegret Held – Eine Räuberballade
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Hier nun der dritte Band der Trilogie um das Westerwälder Dorf Scholmerbach. Diesmal verlegt die Autorin die Geschichte an das Ende des 18. Jahrhunderts.
Tatsächlich gemahnt der Roman an eine Ballade. Er erzählt von Hannes, dem Sohn von Wilhelm. Die beiden sind so grundsätzlich verschieden – aufsässig, wild, ungebärdig der Sohn; fromm und vom Leben gezeichnet der Vater. Es kommt eines Tages zum Eklat und Hannes geht fort. Er schließt sich einer Bande von Räubern an und lernt, wie ein Auszubildender, das Handwerk der Räuberei. Dabei steht er sich reichlich oft selbst im Weg, verstößt er doch auch hier immer wieder gegen die Regeln und bringt mehr als einmal die ganze Bande in Gefahr.
Derweil ist Wilhelm immer verzweifelter, er hat ja auch noch seine schwer kranke Frau und die kleine Tochter, die er versorgen muss. In der Hoffnung auf Hilfe begibt er sich auf eine Wallfahrt und tatsächlich, als er nach Hause kommt, scheint es seiner Frau besser zu gehen.
Und da gibt es noch Gertraud, die beim Müller als Magd unterkommt. Gertraut passt so gar nicht in das Bild der fügsamen, dem Manne gehorchenden Frau. Sie widersetzt sich den Anweisungen der Müllerin, streitet auf das Heftigste mit dem Müller und schikaniert den Knecht. Doch gerade ihre forsche Art sorgt dafür, dass sie oft die Geschäfte für den Müller abschließt, da sie sehr gut verhandeln kann mit den Bauern, die das Korn bringen und das Mehl holen. Und Gertraud ist stark, sie hat so gut wie vor nichts Angst.
(mehr …)Blake Snyder – Rette die Katze! Das ultimative Buch übers Drehbuchschreiben

Die Gesetze des Blake Snyder! Wer braucht noch etwas anderes, um schreiben zu können. Nachdem ich dieses ultimative Buch nun endlich gelesen habe, verstehe ich, warum all die anderen Autoren und Autorinnen von Ratgebern über das Kreative Schreiben aus dem Buch von Blake Snyder zitieren und jedem und jeder raten, sich an seine „Gesetze“ zu halten.
Das Buch ist im Original 2005 erschienen und wurde in diesem Jahr vom Verlag in neuer Ausgabe herausgebracht. Blake Snyder, der bereits 2009 verstarb, ist ein in den USA bekannter Drehbuchautor, der hier all seine Tricks offenbart und das auf unnachahmliche Weise. Sein Stil ist so munter, humorvoll, selbstironisch und flott, dass man das Buch nicht aus der Hand legen mag. Und das ist für einen Ratgeber ja doch eher ungewöhnlich.
Dabei ist unbedingt festzuhalten und zu unterstreichen, dass all seine Tipps und Anregungen eins zu eins übertragbar sind auf das Schreiben von Romanen und Geschichten. Diese Tricks funktionieren nicht nur bei Drehbüchern. Natürlich hat man manches oder vieles auch schon anderswo gelesen – und ich habe wirklich viele Ratgeber übers Schreiben gelesen – aber noch nie fand ich alles so klar und leicht verständlich, so nachvollziehbar und nachahmbar, so herrlich frisch und locker formuliert.
(mehr …)Annegret Held – Armut ist ein brennend Hemd

Was für ein Titel! Ein Titel, der die ganze Wucht dieses Buches perfekt ausdrückt. Denn darum geht es im Roman von Annegret Held: um Armut.
Über den Zeitraum der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erzählt sie die Geschichte des Westerwälder Dorfs Scholmerbach und seiner Einwohner. Diese sind einfache Menschen, Bauern, Handwerker und fast alle bettelarm. Da gibt es nur einmal im Leben neue Schuhe, Kleider werden von einem Kind an das andere weitergegeben, bis sie so fadenscheinig sind, dass sie nur noch als Lumpen taugen. Da sind die Besuche des Krämers im Dorf sowas wie Feiertage, wo man all die Dinge, die man sich doch nie wird leisten können, bestaunen darf. Da sind die Frauen mit Anfang Vierzig ausgelaugt und viel zu früh gealtert von den unzähligen Geburten und all der vielen Arbeit mit der Kinderschar, die ernährt und versorgt werden will. Zehn oder fünfzehn Kinder in der Familie sind keine Seltenheit, dass davon aber nur ein kleiner Teil das Erwachsenenalter erreicht, ist eben auch keine Seltenheit.
(mehr …)Sebastian Fitzek (Hg.) – Identität 1142

Zufälligerweise las ich diese Anthologie ausgerechnet am Halloween-Wochenende. Und das hat sowas von gepasst. Denn die Texte, die hier versammelt wurden, sind spannend, gruselig, komplex und richtig gut geschrieben.
Das Ganze ist ein besonderes und wirklich gelungenes Projekt. Mitten in der ersten Corona-Welle rief der bekannte Krimiautor Sebastian Fitzek in Instagram dazu auf, unter dem Motto #wirschreibenzuhause Kurzkrimis zu schreiben. Vorgegeben waren ganz genaue Parameter, nämlich:
das Thema Identität
jemand findet ein fremdes Handy mit Fotos von sich selbst darauf
die Hauptfigur hat ein dunkles Geheimnis
das Motiv ist Rache
der Gegner leidet unter dem genannten Geheimnis noch immer.
Insgesamt 1142 Geschichten wurden eingereicht, aus denen die Jury, bestehend aus etlichen hochrenommierten deutschsprachigen Krimiautor*innen, 13 Texte für diesen Band auswählten. Zusätzlich steuerten 10 bekannte Autor*innen, wie z.B. Charlotte Link, Ursula Poznanski, Frank Schätzing, Romy Hausmann und natürlich Sebastian Fitzek selbst, eigene Kurzkrimis bei, die allerdings nur das erste der Parameter erfüllen mussten.
Volker Klüpfel u. Michael Kobr – Funkenmord

Kluftinger bleibt sich treu. Oder vielmehr Klüpfel und Kobr bleiben sich treu. Denn auch in diesem neuesten Band um den kauzigen Allgäuer Kommissar bleibt alles beim Alten. Und das bezieht sich diesmal sogar auf den Kriminalfall, den Kluftiger und sein Team zu lösen haben.
Der Roman schließt fast nahtlos an den Vorgängerband „Kluftiger“ an. Das Manko dabei: wer diesen nicht gelesen hat oder bei wem die Lektüre schon etwas länger her ist, hat einige Probleme, der Handlung zu folgen. Denn es wird wenig erläutert oder nacherzählt, so dass denen, die den vorherigen Band nicht kennen, der Hintergrund fehlt. Das erschwert mir natürlich auch ein wenig die inhaltliche Zusammenfassung von „Funkenmord“, denn die ist kaum möglich, ohne bei „Kluftinger“ zu spoilern.
Kommissar Kluftinger hadert diesmal sehr mit sich, denn er hat vor mehr als dreißig Jahren den Falschen für einen Mord ins Gefängnis gebracht. Das hatte sich in dem Roman „Kluftinger“ herausgestellt und dort hatte Kluftinger dem sterbenden fälschlich Verurteilten versprochen, den wahren Täter zu finden. Seine Kollegen zeigen dafür zuerst wenig Verständnis, zumal sie noch immer den tragischen Tod ihres Kollegen und Freundes Strobl verarbeiten müssen. Kluftinger muss zusätzlich auch noch kommissarisch die Aufgaben der Polizeipräsidentin übernehmen und eine neue Mitarbeiterin einarbeiten. Diese, Lucy Beer, ist eine forsche junge Frau, die bei Meier und Hefele erst einmal auf Widerstand stößt, nach und nach aber den Respekt des Teams erringt.
(mehr …)Roberta Allen – Short Shortstorys schreiben

Ein sehr empfehlenswerter Ratgeber für Kreatives Schreiben, nicht nur für Anfänger hält das Buch von Roberta Allen viele interessante Anregungen und Tipps parat.
Die Autorin, die an der New York School for Social Research und bei The Writer’s Voice als Dozentin lehrt, greift viele Beispiele berühmter Kurz- und Kürzestgeschichten auf, um zu zeigen, dass es nicht immer Romane oder längere Erzählungen sein müssen. Und sie bringt außerdem Beispiele aus ihrer Lehrtätigkeit, Texte ihrer Schüler und Schülerinnen, mit denen sie ausgiebig ihre Methoden geübt hat.
Roberta Allen beginnt mit einer Einführung in das Thema Kurzgeschichte, schildert die Vielfalt dieser Gattung und erläutert dann deren Bestandteile. Diese sind im Grunde die gleichen wie die, die ein Autor zum Verfassen eines Romans anwendet, dennoch muss bei einer Kurzgeschichte auf bestimmte Eigenarten geachtet werden. Und dann zeigt sie die Unterschiede der verschiedenen Arten von Kurzgeschichten, wie beispielsweise die Geschichte, die ein Einzelereignis erzählt. Eine andere Art von Geschichte ist diejenige, in der die Zeit verdichtet ist oder die, in der eine Gemütsverfassung geschildert wird.
(mehr …)Bas Kast – Das Buch eines Sommers

Seinen Ernährungskompass, der so viele Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste der Sachücher war oder vielleicht sogar immer noch ist, habe ich sehr gerne gelesen. Das Buch ist informativ, flüssig und in flottem Stil geschrieben und brachte, zumindest für mich, interessante Informationen. Also war ich gespannt, wie der Autor nun eine fiktive Geschichte in einen Roman zu packen vermochte.
Bas Kast erzählt von der Lebenskrise eines erfolgreichen Mannes. Nicolas, der als Junge Schriftsteller werden wollte wie sein geliebter Onkel Valentin, hatte stattdessen die Firma des Vaters übernommen, ein Unternehmen, das zum Zeitpunkt der Handlung ein Präparat zur Verzögerung des Alterungsprozesses beim Menschen entwickeln möchte. Nicolas ist glücklich verheiratet mit Valerie und Vater des kleinen Julian.
Der plötzliche Tod des Onkels, den Nicolas trotz der großen Zuneigung nur noch selten und zuletzt vor längerer Zeit besucht hatte, bringt ihn dazu, sein Leben zu überdenken. Er stellt sich die Frage, ob er das Leben lebt, das er sich erträumt hatte bzw. warum er eben gerade dieses Leben nicht führt. Auch seine Beziehung zu Valerie, seine Einstellung zu seiner Firma, all das stellt er auf den Prüfstand. Angefacht durch die Begeisterung seines kleinen Sohnes für erfundene Geschichten lässt Nicolas immer öfter auch seiner Fantasie freien Lauf.
(mehr …)Jenny Fagerlund – 24 gute Taten

Eigentlich habe ich diesen Roman zu früh gelesen. Er wäre die geeignete Lektüre für die Adventszeit, bei Kerzenschein, prasselndem Kaminfeuer und dampfendem Kräutertee, dazu reichlich Schneefall vor dem Fenster.
Wie der Titel vermuten lässt, hat nämlich die Handlung etwas mit der Adventszeit und den 24 Tagen bis Weihnachten zu tun. Die junge Emma hat vor zwei Jahren ihren Lebensgefährten just an Heilig Abend bei einem Unfall verloren und trauert immer noch. Sie kapselt sich ab und hat sich selbst in ihrer Trauer verloren. Selbst ihr kleiner Laden für Geschenkartikel und Innendekoration kann sie kaum aus ihrer Depression reißen. So droht ihm wegen fehlendem Umsatz die Pleite.
(mehr …)Hallie Rubenhold – The Five: Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden

Dieses Buch ist so zutiefst erschütternd, dass es mich bis in den Schlaf verfolgte. Und es macht derart wütend, dass man gerne mehr tun können würde als nur mit den Zähnen knirschen oder die Fäuste ballen.
Schon oft hat es mich geärgert, wenn bei einer Straftrat, einem Attentat oder ähnlichem dem oder den Tätern nahezu uneingeschränkte Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit gewährt wurde, für die Opfer sich aber kaum jemand interessierte. Natürlich darf und will ich weder die Namen noch den detaillierten Gesundheitszustand eines Verletzten erfahren, der beispielsweise bei einer Amoktat zu Schaden kam. Aber immer wieder erfährt man alles Mögliche über den Täter, meist mehr, als man überhaupt wissen möchte. Doch die Opfer werden kaum erwähnt. So fände ich es durchaus wissenswert, wie es diesen Menschen auch später noch geht, ob sie genesen sind.
Offensichtlich gab es dieses Missverhältnis aber auch schon im vorletzten Jahrhundert. Und dieser Ungerechtigkeit, dieser Verzerrung der Verhältnisse hat sich die Autorin in ihrem preisgekrönten Buch angenommen.
Vermutlich haben wir alle schon von „Jack the Ripper“ gehört oder gelesen, dem unheimlichen Mörder, der im Jahr 1888 fünf Frauen in London auf grässliche Weise tötete. Über ihn wurde nicht nur zu seiner Zeit in allen Zeitungen in aller Ausführlichkeit berichtet, auch immer seither wird von ihm erzählt, wird seine Geschichte verfilmt, werden Bücher über ihn geschrieben. Doch wer hat je über die fünf ermordeten Frauen gelesen, wer kennt ihre Namen, ihre Geschichten? Diese Geschichten erzählt Hallie Rubenhold.
(mehr …)Ragnar Jónasson – Nebel
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Im Grunde ist es ja eine wirklich ungewöhnliche und überraschende Idee, eine Trilogie rückwärts zu erzählen (oder doch mindestens zu veröffentlichen). Das Ganze hat aber einen entscheidenden Nachteil: die Spannung geht dabei definitiv verloren. Der vorliegende Band „Nebel“ ist nun der dritte Teil der Trilogie um die isländische Kommissarin Hulda und er erzählt den Anfang ihrer privaten Geschichte, die in den beiden vorherigen Bänden, die ich ebenfalls rezensieren durfte, bereits ausführlich thematisiert wurde. Daneben dreht sich der Roman um einen Mordfall mit mindestens zwei Toten.
Wie auch in den vorhergehenden Bänden „Dunkel“ und „Insel“ erschafft der Autor mit großem Geschick und prägnanten Worten die unheimliche und dramatische Atmosphäre der isländischen rauen, harten Natur und schildert deren Gefahren drastisch und bildhaft. Und auch die inneren Gefahren, die Zerrissenheit, die Depressionen und psychischen Schäden, die die Menschen, nicht zuletzt aufgrund der Landschaft und des Klimas, erleiden, beschreibt Ragnar Jónasson in so plastischen, aufregenden Bildern, dass die Leserin manches Mal die Kälte und Einsamkeit am eigenen Leib zu spüren scheint.
(mehr …)Géraldine Dalban-Moreynas – An Liebe stirbst Du nicht

So etwas muss man mögen, sich darauf einlassen. Das ist mir leider nicht gelungen.
Das lag aber nicht am Stil der Autorin. Im Gegenteil, der war erfrischend anders, kühl, distanziert, analytisch. Fast wie der Bericht einer Wissenschaftlerin, die ein Forschungsobjekt beobachtet. Oder wie das Tagebuch eines Verhaltensforschers, der die Reaktionen der Probanden unter die Lupe nimmt. Dazu trägt besonders bei, dass die Protagonisten einmal mehr namenlos bleiben, es gibt nur eine Sie und einen Er.
Was mir an diesem Roman so gar nicht zusagt, ist das Gleiche, was mich auch an dem berühmten Roman „Liebesleben“ von Zeruya Shalev so gestört hat: die Handelnden befinden sich in einer Blase, es findet außerhalb ihrer eigenen Befindlichkeiten und Bedürfnisse nichts statt. Wobei diese Bedürfnisse für die beiden Beteiligten über allem stehen, ohne Rücksicht auf Verluste. So etwas mag es sicher geben, für mich ist das dennoch zu unrealistisch, zu weit weg vom „normalen“ Leben und zu weit weg von „normalen“ Menschen.
(mehr …)Hannah Lynn – Wer will schon ewig leben

Was für ein aberwitzig witziges Buch. Die Autorin lässt ihrer überbordenden Fantasie freien Lauf und heraus kommt ein gelungener Roman um einen seit 200 Jahren in der Zwischenwelt festsitzenden armen Tropf.
Dieser arme Kerl heißt Walter Augustus und er hängt so lange in dieser Zwischenwelt fest, so lange sich auf der Erde noch irgendjemand an ihn erinnert. Nun hat er Aussicht auf Aufstieg ins Jenseits, denn die letzte Nachfahrin seiner Familie liegt im Sterben und Walter hat die große Hoffnung, dass sich danach niemand mehr an ihn erinnern wird. Doch er hat sich zu früh gefreut. Denn Walter, seinerzeit Hufschmied von Beruf, hat zu Lebzeiten Gedichte verfasst, die ein wohlmeinender Adliger heimlich drucken ließ. Aufgrund eines, nennen wir es Unfalls, bleibt von diesen Bänden nur ein einziger erhalten. Und dieses Exemplar gelangt nun in unserer Zeit in die Hände von Letty, einer schüchternen, etwas übergewichtigen Schuhverkäuferin und Hobbybäckerin mit einem zu großen Hang zu Süßigkeiten. Also muss Walter nun alles daransetzen, dieses letzte Exemplar seiner Gedichte zu vernichten und die Erinnerung an seinen Namen aus Lettys Gedächtnis zu löschen.
(mehr …)Hélène Jousse – Die Hände des Louis Braille

Dieser Roman hat eine ganz ungewöhnliche Methode, eine Biographie zu präsentieren. Eine Biographie über einen Menschen, über den zumindest ich bislang nicht viel wusste.
Die Autorin erzählt in ihrem Debütroman das Leben des Erfinders der Blindenschrift in Form einer verschachtelten Geschichte. Die relativ frisch verwitwete Constance bekommt von ihrem Verleger den Auftrag, das Drehbuch zu einem Film über Louis Braille zu schreiben. Zuerst eher zurückhaltend, dann immer intensiver beschäftigt sie sich mit diesem Thema, recherchiert und fühlt sich tief in die Person ein, über die sie schreiben will. Dabei hält sie ihre Gedanken und Gefühle in einem Roten Heft fest. In diesem lesen wir über den Fortgang ihrer Arbeit an dem Drehbuch und ihre Entwicklung im gleichen Maße, wie sich ihr Buch entwickelt.
Parallel folgen wir Szene für Szene durch das Drehbuch dem Leben des kleinen Louis, der im Alter von drei Jahren durch einen Unfall sein Augenlicht verliert. Louis, der der Nachzügler in der Familie Braille war, wächst in äußerst liebevollen Familienverhältnissen auf, von seiner Mutter Monique, seinem Vater Simon, einem Sattler, und den drei älteren Schwestern verwöhnt und behütet. Als sich immer mehr erweist, dass weder Lehrer noch Pfarrer oder seine Eltern ihm neues beibringen können, bringt sein Vater ihn schweren Herzens in Paris im Königlichen Institut für junge Blinde unter.
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