Wie viele sind zu viele?

Perspektiven im Roman

Bei meiner vielen Lektüre fällt mir auf, dass in letzter Zeit vermehrt Romane geschrieben werden, die die Handlung aus verschiedenen Perspektiven erzählen. Dabei gibt es solche, die das strikt durch Kapitel trennen, eventuell mit dem Namen des PoV (das ist Englisch und steht für Point of view = Blickwinkel oder Gesichtspunkt) als Kapiteltitel. Und es gibt jene, die von Szene zu Szene die Erzählperspektive wechseln, ohne dies großartig zu kennzeichnen. Die dritte Variante, die in meinen Augen schrecklichste, die man unbedingt vermeiden sollte, ist das sogenannte Hirnhopping, also wenn der Erzähler ständig zwischen den Perspektiven hin und her hüpft. Das ist schon fast die auktoriale Erzählweise, die aber noch etwas weiter ginge, denn dort weiß der Erzähler immer alles (allwissender Erzähler).

Meine Frage heute zielt darauf, was ist die schönste, die beste oder die praktikabelste Variante? Und vor allem: welche ist dir die liebste?

Wenn ein Roman nur aus einer einzigen Perspektive erzählt wird – für mich die Methode, bei der ich mich als Leserin am wohlsten fühle – dann bist du beim Lesen ganz nah dran, die Empathie für die Hauptfigur wird automatisch viel größer beim Leser und der Leserin. Der Nachteil beim Verfassen des Romans ist aber, dass man immer nur das erzählen kann, was die Figur auch weiß bzw. wissen kann. Alles andere, das drumherum geschieht, musst du beim Schreiben dann so geschickt kommunizieren, das es wirkt, als würde die Hauptfigur es von anderen erfahren. Das ist mühsam, bringt für mich aber die emotionalste Nähe zur Figur und zur Handlung.

Bei ständigem Perspektivwechsel hast du es beim Erzählen natürlich einfacher, Ereignisse außerhalb des Gesichtsfeldes deiner Hauptfigur darzustellen, du schafft aber automatisch Distanz. Und nun kommt es, zumindest ist das mein Eindruck, immer häufiger vor, dass Autorinnen und Autoren diese Methode der vielen Perspektiven anwenden. Gefällt dir das? Magst du diese Erzählweise?

Übrigens glaube ich nicht, dass es unbedingt einfacher ist, auf diese Art zu schreiben. Denn auch dabei musst du aufpassen, in der jeweiligen Perspektive nichts zu erzählen, was diese Figur nicht wissen kann. Dennoch denke ich, dass das Plotten eines Romans mit nur einer Perspektive schwerer ist, da du eben all diese Dinge, die deine Figur nicht selbst erlebt, die aber für den Handlungsablauf wichtig sind, irgendwie dennoch berichten können musst.

Bei all dem ist meine Frage aber nicht nur, welche Perspektivmöglichkeiten du bevorzugst, sondern auch, warum die „Mode“ gerade in diese Richtung läuft? Vor allem scheint es mir gerade bei Krimis vorzukommen, die vielfach zum einen aus der Sicht des Ermittlers, und zum anderen aus der des Täters erzählt werden plus vielleicht noch weitere.

Wenn doch die Geschichte die Leserinnen (denn die sind es insbesondere) viel mehr erreicht, wenn man sie lediglich aus der Sicht der Heldin erzählt – und ein gerade gelesener, ein-perspektivisch geschriebener Roman, der einfach nur wunderbar war, ist für mich ein überzeugender Beleg dafür – warum nimmt dieses vielperspektivische Erzählen gerade so überhand?  

Und wann ist dann ein Zuviel erreicht? Wie viele Perspektiven sind zu viele? Drei, Vier oder ist erst bei sechs oder neun Perspektiven das ertragbare Maximum erreicht?

Am Ende noch eine letzte Frage an dich: ist die Erzählweise, also eine Perspektive oder mehrere, für dich eine Entscheidungshilfe beim Kauf eines Romans? Wählst du eventuell sogar deine Lektüre danach aus? Ich frage nicht aus Neugier, sondern weil dies für Autorinnen und Autoren schon eine wichtige Frage ist, zumindest, wenn sie vorhaben, ihre Bücher unters Volk zu bekommen.

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