Melissa Harrison – Vom Ende eines Sommers

Für diese Rezension habe ich länger gebraucht als sonst. Nicht, weil mir das Buch nicht gefallen hätte. Im Gegenteil, weil es so besonders ist, dass ich lange überlegt habe, wie ich das in Worte fassen kann.

Im Grunde ist es die Geschichte eines Teenagers in den frühen dreißiger Jahren in England. Edith, genannt Edie, lebt mit ihrer Familie auf einem Bauernhof, der ums Überleben kämpft. Sie ist anders als der Rest ihrer Familie, Edie ist intelligent, sie verschlingt Bücher, ist lernbegierig und hinterfragt alles und jedes. Sie leugnet, einsam zu sein, obwohl sie es ganz offensichtlich ist. Ihre ältere Schwester ist jung verheiratet und gerade Mutter geworden, ihr Mann erlaubt ihr keine Besuche bei den Eltern, so dass die beiden Schwestern, die sich immer nahestanden, sich nur selten sehen.

In diese Situation hinein kommt die Londoner Journalistin Constance FitzAllen und mischt nicht nur Edies Familie, sondern gleich das ganze Dorf auf. Das liegt zum einen an ihrer Unbekümmertheit und ihrem unkonventionellen Verhalten, zum anderen an ihren politischen Ansichten. Für Edie muss das wirken wie ein Besuch von einem anderen Stern. Constance hat ihren eigenen Kopf, sie trägt Hosen, raucht und fährt Fahrrad. In Edies Welt gehorchen die Frauen den Männern, so wie ihre Mutter, der der Vater vorschreibt, was sie bei den Wahlen zu wählen hat.

Dieses äußere Chaos trifft auf das pubertär bedingte innere Gefühlschaos, mit dem Edie zu kämpfen hat. Ihre erste Menstruation, die Entwicklung ihres Körpers und die derben Annährungsversuche eines Nachbarjungen. Davon überfordert, ist Edie nicht mehr in der Lage, all diese Dinge zu verarbeiten.

Diese Inhaltsangabe gibt aber nicht annährend wieder, wie wunderbar der Roman geschrieben ist. Erzählt wird er aus Edies Perspektive, in Ich-Form und im Rückblick. Dabei, obwohl er ja aus der Sicht der alten Frau berichtet, behält er stringent die Sichtweise der Jugendlichen, des unsicheren Teenagers bei. Das macht die Gefühle des Mädchens fühlbar, die Leserin ist ihr ganz nah, erlebt, wie das Kind diese Geschehnisse nicht einordnen kann, nicht versteht und für sich, für ihre Welt interpretiert.

Hinzu kommen die atmosphärischen Beschreibungen der Landschaft, der Menschen und insbesondere der Familienmitglieder. Edies Vater und Brüder, die hart ums Überleben des Hofes kämpfen, ein Kampf, der aus dem Vater einen Trinker macht. Edie flüchtet sich in Aberglauben und Hexenkult, um für sich den Dingen einen Grund zu geben.

Der Schluss des Romans schließlich ist eine Überraschung, im Rückblick aber schlüssig und nachvollziehbar, auch wenn er einige lose Enden übriglässt.

Ein Roman, der in Erinnerung bleibt, weil er etwas Besonderes ist.

Melissa Harrison – Vom Ende eines Sommers
aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
DuMont, Juni 2021
Gebundene Ausgabe, 319 Seiten, 22,00 €

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