Marcy Dermansky – Wirklich nett

Dieser Roman lässt mich etwas ratlos zurück. Das mag an der Erzählweise liegen oder auch am Thema, ich kann es nicht festmachen. Doch schon die Anzahl der Perspektiven – die Handlung wird von sage und schreibe fünf Figuren in der Ich-Form erzählt – macht die Lektüre schwierig. Hat man sich gerade in eine Szene, eine Erzählweise, einen Sprachduktus eingelesen, wechselt der Erzähler und man wird komplett herausgerissen aus der Handlung.

Das erschwert nicht nur, den Geschehnissen zu folgen, sondern auch, eine Beziehung zu den Protagonisten aufzubauen. Wobei so wirklich viel auch nicht geschieht, es wird vielmehr reflektiert, gegrübelt, misstraut; es wird diskutiert, verhandelt; man lehnt sich ab, nähert sich an.

Die Handlung trägt sich zu in Connecticut, wo Becca, vom Mann verlassen und um den gerade verstorbenen Hund trauernd, dem Professor ihrer Tochter Rachel ein Dach über dem Kopf anbietet. Dieser, der aus Pakistan stammende Zahid, hat nämlich seine eigene Wohnung vermietet und gleichzeitig seinen Hund, einen rosafarbenen Pudel, bei Rachel in Obhut gegeben.

Zahid, der mit Rachel nicht nur einen Kuss austauschte, findet jedoch auch Becca sehr anziehend, ein Gefühl, das diese erwidert. So kommt es zu einer mehr als komplizierten Konstellation, die natürlich am Ende auf einen dramatischen Schluss zuläuft.

Rachel, Zahid und Becca erzählen die Vorkommnisse jeweils aus ihrer Sicht, mit all ihren Zweifeln und Selbstvorwürfen. Hinzu kommt noch die Perspektive von Khloe, die Mieterin von Zahids Wohnung, eine beruflich erfolgreiche, privat aber zerrissene junge Frau, die unglücklich in ihre ehemalige Babysitterin verliebt ist. Der fünfte Erzähler schließlich ist Jonathan, Rachels Vater, der Becca wegen einer jüngeren Frau, einer Pilotin, verlassen hat.

All das ist unterhaltsam, flüssig und humorvoll geschrieben, mit einem Augenzwinkern entblößt die Autorin die Marotten der Figuren. Doch gleichzeitig fehlt mir der Gehalt der Geschichte, der Tiefgang. Die Frage, was will mir die Verfasserin damit sagen, blieb für mich unbeantwortet.

Marcy Dermansky – Wirklich nett
aus dem Englischen von Martin Ruben Becker
Kindler Verlag, Juni 2021
Gebundene Ausgabe, 335 Seiten, 22,00 €

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