Stephan Waldscheidt – Erzählperspektiven – auktorial, personal, multiperspektivisch

Je tiefer Sie als Autor in der Perspektive drin sind, desto relevanter wird das, was Sie schreiben, desto klarer entstehen Bilder im Kopf Ihrer Leser, desto intensiver lassen Sie die Leser fühlen.“ (S. 9)

Wer schreibt, egal ob Roman oder Erzählung, ob Liebesgeschichte oder Krimi, der muss wissen, wer erzählt (Erzähler), wie wird erzählt (Stimme) und aus welchem Blickwinkel wird erzählt (Perspektive). Nur wenn all diese drei Aspekte harmonieren, wenn Autor:innen hier die richtigen Entscheidungen treffen, dann gelingt ein Roman, eine Geschichte. Und es handelt sich um echte Entscheidungen, hier darf man nichts dem Zufall überlassen, sich nicht treiben lassen. Dabei aber trotzdem auf das Bauchgefühl hören. Damit das Gefühl sich aber melden kann, muss man die verschiedenen Perspektiven, verschiedene Stimmen ausprobieren, damit experimentieren.

Zuerst einmal geht es darum, aus wessen Sicht erzähle ich meine Geschichte, aus der eines der Protagonisten oder aus der eines (stillen) Beobachters? Im nächsten Schritt muss ich wählen zwischen der auktorialen und der personalen Erzählperspektive. Bei letzterer habe ich wiederum mehrere Möglichkeiten, ich kann in der ersten oder der dritten Person erzählen oder die etwas exotischeren Varianten, die zweite Person Singular zum Beispiel, aussuchen. Oder sogar multiperspektivisch erzählen, d.h. aus verschiedenen Blickwinkeln erzählen.

Wer an dieser Stelle angekommen ist, wer sich hier für einen der möglichen Wege entscheiden muss, damit der Roman, damit die Geschichte die Leser erreicht, in ihnen Gefühle weckt und nachhallt, der sollte zu diesem Buch von Stephan Waldscheidt greifen. Viele Ratgeber zu kreativem Schreiben handeln diesen Aspekt ab, beschäftigen sich mit der Frage der Perspektiven, aber bei noch keinem, den ich bisher las, war dieses Thema so ausführlich, so tiefgründig und so erschöpfend aufbereitet.

Stephan Waldscheidt zeigt alle Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Perspektiven auf, er schildert die Risiken bei der falschen Wahl, er bringt unzählige Beispiele aus der zeitgenössischen Literatur, nachahmenswerte Beispiele und solche, wie man es eher nicht machen sollte. An dieser Stelle muss ich das einzige Manko erwähnen, das ich in seinem Buch sehe: die gewählten Beispiele sind fast ausschließlich aus ausländischen, zumeist amerikanischen Büchern und vorrangig aus Thrillern oder Fantasyromanen zitiert. Abgesehen von dem Problem, dass durch Übersetzungen möglicherweise manche Wirkung verändert wird, hätte ich es gerne gesehen, wenn mehr Zitate aus deutschsprachigen Büchern, mehr Zitate aus verschiedenen Genres gewählt worden werden. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau, denn natürlich tut das dem Inhalt und dem Gehalt des Buches von Stephan Waldscheidt keinerlei Abbruch.

Es ist ein sehr intensives Buch, es deckt so viel mehr ab als nur die Erzählperspektiven. Denn selbst die bestmögliche Perspektive funktioniert nur im Zusammenspiel mit all den anderen Aspekten eines Romans. Plot, Figuren und Setting müssen ausgearbeitet sein, Spannung und Emotionen müssen transportiert werden – schlicht: der Leser muss erreicht werden. Es ist unmöglich, in einer Rezension all die Themen abzudecken, die Waldscheidt in seinem Buch anspricht, man würde seinem Buch nicht gerecht.

Wenn ich Stephan Waldscheidts Bücher lese, bin ich immer hin-und-hergerissen: Einerseits geben sie mir einen immensen Motivationsschub (weshalb ich etliche seiner Ratgeber gerne immer wieder zur Hand nehme), andererseits führen sie regelmäßig dazu, dass ich denke: das schaffst du nie. Doch wer die Bücher von Stephan Waldscheidt, insbesondere die der Reihe „Meisterkurs Romane schreiben“, gelesen hat, hat die wesentlich größeren Chancen, es zu schaffen. Seine Bücher sollten in der Bibliothek keines Autors fehlen.

Stephan Waldscheidt – Erzählperspektiven – auktorial, personal, multiperspektivisch
Selbstverlag, Dezember 2020
Taschenbuch, 355 Seiten, 19,99 €

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