Ulrich Kirstein & Tina Rauch – Die 100 besten Bücher der deutschsprachigen Literatur für Dummies

Was für ein sperriger Titel für so ein unterhaltsames Buch. Jetzt weiß ich wieder, warum ich die „für Dummies“-Bücher so mag: sie sind locker-flockig geschrieben, eröffnen auf übersichtliche Art und in klarer Struktur den Blick auf Neues oder Altbekanntes.

So auch das vorliegende Buch, in dem die beiden Autor:innen, wie sie herrlich flapsig im Vorwort erläutern, ganz nach eigenem Gusto die 100 besten Bücher aus dem deutschsprachigen Raum versammeln. Sie decken mit ihrem Kanon fünf Jahrhunderte ab und entdecken dabei durchaus nicht nur die üblichen, immer auf solcherart Listen erscheinenden Bücher, sondern auch echte Schätzchen.

Der Aufbau oder besser die Aufstellung der Bücherliste erfolgt jedoch nicht, wie man es sonst meist gewöhnt ist, schlicht in chronologischer Reihenfolge. Nein, Kirstein und Rausch haben die 100 Bücher in 10 Kapitel, man könnte auch sagen Kategorien eingeordnet. Diese thematischen Kapitel haben so verheißungsvolle Überschriften wie Humor und Melancholie oder Abenteuer und Spannung oder Hin und weg. Diese Kapitel wiederum sind in drei Teilen zusammengefasst, die ebenfalls mit Überschriften versehen wurden, die die Leserin wirklich in das Buch hineinziehen. Da gibt es Stoff für Gefühlvolle, für Nervenstarke und für Neugierige.

Natürlich folgt das Buch darüber hinaus den Regeln der „für Dummies“-Bücher: es gibt die üblichen Symbole, die immer wieder witzigen Cartoons und hier nun auch noch eine „Schummelseite“, auf der ein paar der opulentesten Romane, wie z.B. die „Buddenbrooks“, in einem Satz zusammengefasst werden.

Die beiden Literaturwissenschaftler, die bereits andere Bücher herausgebracht haben, stellen uns in diesem Kanon so abwechslungsreiche Lektüre vor wie den Abenteuerlichen Simplicissimus, die Judenbuche, natürlich Die neuen Leiden des jungen W., aber auch Das Parfüm und Was man von hier aus sehen kann. Dabei beschränken sie sich nicht auf die Inhaltsangaben der auswählten Bücher, sie erzählen ebenso von der Entstehungsgeschichte, geben winzige Einblicke in das Leben der jeweiligen Autoren und erwähnen ggf. weitere Werke des Schriftstellers.

Ein Manko in der Zusammenstellung der 100 besten Bücher ist in meinen Augen allerdings das heftige männliche Übergewicht. Unter den 100 Schreibenden finden sich nur 19 Schriftstellerinnen und diese vorrangig unter den zeitgenössischen Literaten. Wenn ich voraussetzen darf, dass Tina Rausch und Ulrich Kirstein nicht nach Geschlecht gesiebt haben bei der Zusammenstellung des Bücherkanons, liegt es dann daran, dass es in früheren Zeiten wenige oder gar keine schreibenden Frauen gab? Das mag ich jedoch kaum glauben, sondern vermute eher, dass es ihnen, den mit Sicherheit nicht weniger begabten Schriftstellerinnen, damals ähnlich erging wie anderen Künstlerinnen. Sie wurden nicht anerkannt, nicht veröffentlicht, nicht beachtet. Wenn ich an das hier von mir rezensierte Buch über berühmte Kinderbuchautorinnen denke, in dem plastisch geschildert wurde, wie Verleger ihre Autorinnen als männlich ausgaben, um potentielle Leser nicht durch eine Frau als Verfasserin abzuschrecken, könnte ich mir ähnliches als Ursache vorstellen.

Dennoch, eine lesenswerte, vergnügliche und informative Lektüre ist dieses Buch allemal.

Ulrich Kirstein + Tina Rauch – Allgemeinbildung: Die 100 besten Bücher der deutschsprachigen Literatur für Dummies
Wiley VCH, Oktober 2020
Flexibler Einband, 261 Seiten, 12,50 €

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