Diane Setterfield – Was der Fluss erzählt

Es war einmal ein Wirtshaus …“ (S. 11). So beginnt dieser märchenhafte Roman, der zugleich spannend, mystisch, amüsant, poetisch, fantastisch und sogar ein wenig gesellschaftskritisch ist.

Mit liebevollem Augenzwinkern sowie hin und wieder einem zarten Hauch von Ironie erzählt die Autorin von geheimnisvollen Ereignissen gegen Ende des 19. Jahrhunderts am Oberlauf der Themse. Es beginnt eines Abends in besagtem Wirtshaus, als ein schwer verletzter Mann die Schenke betritt, in den Armen ein kleines Mädchen. Sie ist tot, so hat es den Anschein und so beurteilt es auch Rita, die erfahrene und stets pragmatische Krankenschwester des Ortes. Doch das täuscht, die Kleine erwacht und von nun an steigt die Spannung von Seite zu Seite.

Denn nicht nur, dass Rita zu verstehen versucht, wieso das Kind, das so eindeutig tot war, wieder zum Leben erweckt wurde. Es erheben mehrere Menschen „Anspruch“ auf das kleine Mädchen. So vor allem das Ehepaar Vaughan, dessen kleine Tochter vor zwei Jahren entführt wurde und spurlos verschwand. Helena Vaughan ist fest davon überzeugt, dass das jetzt aufgetauchte Mädchen ihre Tochter Amelia ist. Und da ist die scheue Lily White, die sich sicher ist, das Mädchen ist ihre kleine Schwester Ann. Oder ist die Kleine vielleicht doch Alice, die Tochter von Robin Armstrong? Keiner der Beteiligten ist sich ganz sicher oder kann etwas komplett ausschließen. Dabei spielen nicht alle mit offenen Karten.

Rita, die ledig und kinderlos ist, fühlt sich selbst zu dem kleinen Findelkind hingezogen. Mit Hilfe des Fotografen Daunt, des Mannes, der die Kleine aus dem Fluss gerettet hatte, versucht sie, Licht in das Dunkel der Geschehnisse zu bringen. Das Ganze wird erheblich erschwert durch die Tatsache, dass das Mädchen nicht spricht und gegenüber keinem der Erwachsenen mehr oder weniger Gefühle zeigt als gegenüber den anderen.

Der Roman ist wie eine Mischung aus Wilkie Collins, G.B. Shaw und William Thackaray, gewürzt mit einer Prise Dickens. In wunderbaren Bildern beschreibt die Autorin die Landschaft entlang des Flusses, der im Buch eine nicht unwichtige Rolle spielt. Sie schafft eine unheimliche und dichte Atmosphäre. Ihre Figuren sind plastisch und lebendig, die Szenen sprühend, die Dialoge spritzig und lebensecht, dass es eine Freude ist, diesen Roman zu lesen. An der einen oder anderen Stelle hätte ich mir eine etwas straffere Erzählweise gewünscht, aber nicht, weil diese Abschweifungen langweilig wären, sondern weil die Spannung so unerträglich steigt, dass die Leserin einfach nur wissen will, was als nächstes geschieht.

Der Originaltitel des von Anke und Eberhard Kreutzer übersetzen Romans lautet „Once upon a river“. Treffender geht es kaum.

Dieses Buch ist im wahrsten Sinn des Wortes ein Lese-Genuss.

Diane Setterfield – Was der Fluss erzählt
Blessing, Oktober 2020
Gebundene Ausgabe, 572 Seiten, 24,00 €

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