Ein Name für das Kind

Wie hältst du es mit Namen? Klar, ich meine nicht die Namen, die du deinen vielleicht noch ungeborenen Kindern geben möchtest. Ich rede von den Namen deiner Figuren, der Personen in deiner Geschichte, deinem Roman. Welche Bedeutung haben diese Namen für dich? Und wie suchst du sie aus?

Wie stets gehen ja auch hier die Meinungen auseinander. Ich habe schon viele Autoren sagen hören, dass sie viel Zeit und Schweiß in die Suche nach dem passenden Namen für ihren Protagonisten, für ihre Antagonistin stecken. Und andere? Denen scheinen entweder die Namen, die sie ihren Charakteren geben, einfach so zuzufliegen oder sie sind ihnen schlicht egal.

Es gibt so viele Aspekte, die bedacht werden wollen bei der Auswahl des Namens. Und schließlich müssen wir auch noch immer mindestens zwei Namen finden, Vornamen und Zunamen.

Braucht es das überhaupt?

Kürzlich habe ich mehrere Erzählungen, von verschiedenen Autor*innen gelesen, die diese Hürde dadurch umschifften, dass sie ihren Figuren gar keine Namen gaben. Stets gab es entweder nur einen Er oder eine Sie. Geschick oder Faulheit, Absicht oder Nachlässigkeit? Diese Fragen gingen mir beim Lesen durch den Kopf. So ein Trick mag bei Kurzgeschichten oder Erzählungen funktionieren, einen ganzen Roman schreiben, ohne deiner Hauptfigur einen Namen zu geben, erscheint mir unmöglich. Aber wer weiß, vielleicht hat es ja tatsächlich schon mal jemand fertiggebracht. Wenn du einen solchen Roman kennst, bitte teile deine Kenntnis mit mir.

Allerdings gibt es auch eine andere Möglichkeit, die José Saramago so unheimlich geschickt in seinem Roman „Die Stadt der Blinden“ einsetzt: keine der auftretenden Figuren hat einen Namen, alle werden durch ihre Berufe, ihre Erscheinung oder irgendeine Besonderheit identifiziert. Da gibt es den Augenarzt, die Frau des Augenarztes, die Frau mit der Sonnenbrille und so weiter. Wenn man das so hört, meint man, es sei sicher furchtbar anstrengend, einen solchen Roman zu lesen, das über viele Seiten durchzuhalten. Aber man gewöhnt sich daran und sehr bald, zumindest ging es mir so, empfindet man es als hervorragend passend in diesem Roman.

Aber das ist natürlich eine, wenn auch absolut gelungene, Ausnahme. Die Regel ist, dass wir unseren Figuren Namen geben müssen. Ja und wie gehen wir da also nun vor?

Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Ich gebe zu, ich habe keine feste Regel, keine Anleitung, die dir hilft, den passenden, den perfekten Namen zu finden oder ihn zu erkennen, wenn du ihn findest. Vielleicht ist das die Regel, dass es keine gibt? Aber ich finde doch, dass es einige wichtige Punkte gibt, die man beachten sollte bei der Namensgebung. Wobei mir die Namen wirklich einiges bedeuten, identifiziere ich doch meine Geschichten und Erzählungen immer über die jeweiligen Protagonist*innen. Das heißt, ich denke nicht an die Geschichte mit diesem oder jenem Titel, sondern an Charlottes oder an Sabrinas Geschichte, an die Erzählung, deren Hauptfigur Bodo Meyerlein war und so fort. Dabei handelt es sich sogar meist um die Texte, bei denen mir die Namen meiner Figuren „zugeflogen“ sind, ich also nicht lange überlegt habe, wie ich sie nenne, sondern der Name war „plötzlich da“. Hört sich blöd an, ist aber wirklich so. Das hat dazu geführt, dass ich tatsächlich, wenn ich eine neue Kurzgeschichte beginne, einige Tage warte, ob mir wieder so eine Eingebung widerfährt. Und tatsächlich gehen genau in diesen Fällen die Figuren mit ihren jeweiligen Namen eine perfekte Symbiose ein, der Name passt einfach und Schluss. Dann ist es oft sogar so, dass die Geschichte nicht funktioniert, solange ich den Namen noch nicht habe, ich einfach keine Beziehung zu meiner Figur bekomme, solange sie noch namenlos ist. Frag mich nicht, warum das so ist, es ist eine reine Bauchsache, die ich dir nicht rational begründen kann. Geht es werdenden Eltern ähnlich, wissen sie vielleicht auch irgendwann, dass sie jetzt den Namen gefunden haben, über den sie so lange gegrübelt haben?

Übrigens ist unsere Situation als Autor*innen mit werdenden Eltern durchaus vergleichbar, finde ich. Ich meine jetzt nicht, dass wir unsere Texte als unsere Kinder betrachten, sondern dass wir für unsere Figuren wie Eltern Namen finden müssen. Dabei haben wir es aber insofern leichter, als wir die einmal getroffene Entscheidung bei Bedarf revidieren können. Dass Eltern irgendwann ihre Kinder umbenennen, ist mir bislang noch nicht zu Ohren gekommen, obwohl sich manche Kinder das im Laufe ihres Lebens sicher immer mal wieder wünschen.

Herkunft und Alter

Aber jetzt mal Tacheles: worauf müssen wir denn achten bei der Namensfindung? Ich glaube, da gibt es so einiges. Beginnen möchte ich mit den regionalen Aspekten, den geographischen Ursprüngen von Namen – was für Vor- genauso gilt wie für Nachnamen. Also ein in Bayern geborener Sohn urbairischer Eltern heißt vermutlich eher selten Sven oder Knut, es sei denn, die Eltern hätten eine besonders starke Affinität zu Norddeutschland. In diesem Fall wäre das aber Bestandteil der Geschichte des besagten Sven und würde sich daher im Laufe der Handlung erklären. Ansonsten wähle lieber einen eher typisch bairischen Namen. Auch heißen Svens Eltern vermutlich eher Wanninger oder Trachtelberger mit Familiennamen als Petersen oder Christensen. Interessant wird das dann natürlich, wenn eine Trachtelberger einen Petersen heiratet, aber was dabei herauskommt, möchte ich mir jetzt eher nicht vorstellen…

Über die Landesgrenzen hinweg wird das ganze dann natürlich noch komplizierter, wenn du nämlich  eine Figur mit Migrationshintergrund, einen ausländischen Touristen oder den Potentaten eines karibischen Inselstaates auftreten lassen möchtest, musst du diesen Menschen auf jeden Fall ihren regional typischen Namen verpassen. Dabei darfst du, wenn es zum Stil deiner Geschichte passt, auch gerne Klischees strapazieren, das macht sich möglicherweise vor allem in humorvollen Romanen gut.

Apropos Klischees, hier musst du besonders gut aufpassen, ob du sie gezielt einsetzt oder lieber vermeidest. Auch das gilt gleichermaßen für Vor- wie für Familiennamen. Wir kennen alle die Vorstellungen, die sofort entstehen bei Kevin, Chantal und ähnlichen Namen, die Klischees sind allerdings inzwischen so abgedroschen, vermutlich lacht kaum noch jemand darüber. Daher wäre ich sehr vorsichtig, wenn du beabsichtigst, tatsächlich den Protagonisten eines 600 Seiten Romans Kevin zu nennen. Bei Nachnamen wäre es sicher auch ratsam, nicht alle deine Figuren Müller, Schmidt, Schulz und Mayer zu nennen – damit könntest du rasch in den Verdacht der Fantasielosigkeit geraten. Das ist übrigens auch der Fall, wenn du in jeder deiner Kurzgeschichten einen Fabian und eine Diana auftreten lässt. Das wäre höchstens entschuldbar, wenn du eine Fortsetzungsserie schreibst. Klar, oder?

Neben den regionalen Aspekten solltest du außerdem noch an das Alter deiner Figur denken. Wann wurde sie geboren, welche Namens-Mode herrschte damals, was waren damals die gängigsten Mädchen- und Jungennamen? Hier hilft eine Webseite weiter, die viele Jahrzehnte rückwärts die jeweils beliebtesten Namen auflistet, ich glaube bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts oder noch weiter zurück. Diese wirklich sehr hilfreiche Seite findest du unter diesem Link: https://www.beliebte-vornamen.de/  Darüber hinaus könnte dann noch eine Rolle spielen, ob die Familie deiner Figur sehr traditionsbewusst ist, also Namen gerne vererbt.

An wen denkst du?

So weit, so gut, aber wie finde ich denn dann den Namen, der genau das ausdrückt, was ich über meine Protagonistin denke, wie ich sie mir vorstelle. Wir alle haben auch bestimmte Vorstellungen von Namen, ich denke mal, jede*r kennt jemanden, der Karin, Stefan, Sibylle oder Siegismund heißt. Und das hat zur Folge, dass wir stets diese Person vor uns sehen, wenn wir deren Namen hören oder lesen. So wird es vermutlich niemals in einer meiner Geschichten eine schlanke, hübsche und freundliche Angelika geben, einfach weil meine Klassenkameradin damals weder das eine noch das andere war, bei mir aber offensichtlich eine traumatische Erinnerung hinterlassen hat. Meine Entschuldigung an alle liebenswerten Angelikas 😉

Nun können wir natürlich nicht die Vorbehalte unserer Leser gegen bestimmte Namen kennen und daher solche Assoziationen niemals ganz vermeiden. Aber wenn wir, s.o., wenigstens die Klischees ausschließen, haben wir in der Hinsicht schon einiges verhindert.

Ein letzter Punkt sollte von dir ebenfalls noch bedacht werden: die Lesbarkeit. Vermeide möglichst solche kryptischen Namen wie Pzrzblinwzwki oder so lange Namenungetüme wie Henning-Theobald-Fridolin. Eine dir wohlgesonnene Leserin wird diese Zungenbrecher schlicht überlesen oder in Gedanken irgendwie in lesbare Namen abwandeln, ein weniger geneigter Leser könnte in Versuchung geraten, deinen Text wegzulegen. Und als Allerletztes: versuche gleichlautende Namen oder Namen mit den gleichen Anfangsbuchstaben in einer Geschichte auszuschließen. Wenn die Mitglieder einer Verbrechergang Tom, Tim, Toni und Tobi oder die beiden Frauen, die sich um einen Kohlkopf streiten, Marta und Marga heißen, hätte vermutlich jede*r nach einer kurzen Weile große Probleme, sie auseinander zu halten.

Hol dir Rat

Und wenn dir auch nach tage- und wochenlangem Grübeln immer noch kein geeigneter Name eingefallen ist, mache es doch wie die werdenden Eltern: wälze entsprechende Bücher, durchforste Listen, recherchiere zu Alter, Herkunft und Bedeutung von Vor- und Zunamen und entscheide dann. Hier tut mir übrigens ein altes Telefonbuch gute Dienste. Wenn mir, insbesondere bei Familiennamen, einfach nichts einfallen will, piekse ich mit einem Finger zwischen die Seiten und dann im Adlersuchsystem auf einen Namen. Und den verwende ich dann, wenn es irgendwie passt.

Schließlich, irgendwann musst du deinem Kind, sorry deiner Figur, einen Namen geben. Es sei denn, der richtige Name ist dir schon längst „zugeflogen“.

Wenn das dann erledigt ist, kommt die nächste „Namensfindung“: die Suche nach dem absolut perfekten, aufsehenerregenden, alles in den Schatten stellenden Titel deiner Geschichte. Dazu folgt sicher auch mal ein Blogbeitrag auf Renas Wortwelt.

2 Kommentare zu „Ein Name für das Kind

  1. Die Hinweise helfen wirklich bei Suche und Namensfindung.
    Allerdings treffen sie gerade für die Suche bei in der Jetztzeit spielenden Texten nicht mehr wirklich zu und könnten gerade bei regionalen Auswahlkriterien eher in das Klischeehafte abgleiten, gerade wenn die Handlung in Deutschland spielt. Um in Deinem Ductus zu bleiben, liebe Renate: Ich habe mir, bitte nicht lachen, wirklich die Mühe gemacht und das Münchner Telefonbuch befragt: es gibt dort 27xPetersen, aber nur 22xWanninger. Ist natürlich nicht ganz ernst gemeint- München ist ja nicht Bayern! Aber trotzdem kann ein Denken in diesen Kriterien, wie ich es natürlich auch noch selbst habe, in eine Falle führen. Auch wenn ich mir die Aufstellung der deutschen Nationalmannschaft im Fußball, die Liste der Landtags- und Bundestagsabgeordneten ansehe, finden sich durchaus häufig Namen, die sicher nicht aus dem ursprünglichen National- oder Kulturkreis stammen. Und das ist ja auch gut so – wir sind nun einmal ein Zuwanderungsland (nach der üblichen Definition habe auch ich selbst noch Migrationshintergrund, da ein Elternteil nicht in Deutschland geboren ist!). Auch im internationalen Bereich gibt es dafür genug Beispiele: die zahlreichen italienisch klingenden Namen in Argentinien, wie das Staatsoberhaupt Frau Kirchner. Oder der amtierende Chef von Rumänien Klaus Johannis u. v. a. Auch die Liste der Mitarbeiter großer internationaler Firmen wie Google, Apple oder auch der deutschen Daxwerte liest sich eher international, wobei an diesen Führungskräften eine Unzahl an unbekannten Mitarbeitern hängt.
    Gleichwohl kann man also vielleicht bei der Namenswahl der Personen in literarischen Arbeiten eventuell die regionalen Abhängigkeiten etwas lockerer handhaben, falls sie in der Jetztzeit oder nicht allzu weit in der Vergangenheit angesiedelt sind. Dies könnte sogar zweckmäßig sein bezüglich der Richtigkeit der Auswahl, die sich ja an aktuellen Parametern ausrichten sollte.
    Der lokale Bezug wird demnach wichtiger sein für Texte, die weiter in der Vergangenheit spielen, als Migration oder Globalisierung noch nicht die Rolle spielten wie heutzutage.
    Dies alles nur als kleiner Anhang zu den von Dir aufgestellten und sehr zweckmäßigen Hilfen bei der Namenssuche.
    Günter Arnolds

  2. Lieber Günter,
    wie schön! Ich freue mich sehr, wenn ein Blog von mir zu Diskussion anregt. Und natürlich hast du Recht. In den heutigen Zeiten der Mobilität, der Verstreuung von Familien über ganz Deutschland oder gar noch weiter, ist es sicher nicht mehr so einfach, anhand eines Namens auf die geografische Herkunft zu schließen. Witzig finde ich deine Recherche im Münchener Telefonbuch, was aber sicherlich nicht repräsentativ ist, eher im Gegenteil. Vermutlich sind sogar wenige, die heute in München leben, echte Urbaiern. Und auf die bezog ich mich in meinem Blogbeitrag, wobei, auch da hast du Recht, allein dieses Beispiel auch schon wieder ein Klischee ist, und zwar ein gar heftiges.
    Dennoch halte ich es für ein erlaubtes Mittel beim Schreiben, die Herkunft einer Figur bereits über den Namen, sei es Vor- oder Familienname, darzustellen. Abgesehen von dem dann auch möglichen Gag, dass eine Trachtelberger sich am Ende als in Rostock geboren herausstellt.
    Ich danke dir für deine Ergänzungen zu meinem Blog, die mir zeigen, was es über das, was ich schon erwähnt hatte, hinaus noch zu bedenken und zu berücksichtigen gibt. Vielleicht finden sich ja weitere Leser*innen des Blogs mit noch mehr Ideen oder sie kennen andere Fallstricke, die es bei der Namenssuche für unsere Figuren zu beachten gibt.
    Liebe Grüße
    Rena

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