Wozu schlechte Bücher lesen?

Schlechte Bücher, gibt es die überhaupt? Nun ist das ja zuallererst eine Geschmacksache. Das fällt mir immer besonders dann auf, wenn Bücher auf Buchpreis- und Bestsellerlisten erscheinen, mit denen ich wenig bis gar nichts anfangen konnte. Die mich gelangweilt haben oder schlimmer noch, genervt haben, weil sie schlecht aufgebaut waren, die Figuren blass und ungenügend ausgearbeitet waren, kurzum der ganze Roman nicht funktioniert hat. Bestsellerlisten sind aber nun mal was der Name sagt: sie richten sich ausschließlich nach den Verkaufszahlen. Und wenn wir ehrlich sind, wissen wir alle, dass wir nicht jedes gekaufte Buch auch lesen. Also sagen diese Listen überhaupt nichts aus über die Güte des Romans, die Qualität des Inhalts oder über die Fähigkeiten der Autor*innen. Und bei Buchpreisen?

Nun ja, abgesehen von einigen Ausnahmen habe ich bislang zu den Büchern, die die renommiertesten Preise eingeheimst haben, den geringsten Zugang gefunden. Je euphorischer Feuilletons, Literaturkritik und Juroren einen Roman in den Himmel loben, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um ein abgehobenes, für Ottilie Normalverbraucherin fast unlesbares Machwerk handelt. Aber – wir Menschen sind Herdentiere und wollen immer zur Herde gehören – diese Bücher werden dann massenweise gekauft, weil wir sie unbedingt im Regal stehen haben wollen. Macht sich halt gut. Ein Phänomen, was man jeweils in den Wochen nach der Verkündung des Literaturnobelpreises extrem beobachten kann – nicht zuletzt deswegen und verständlicherweise bauen die Buchhändler dann in ihren Läden ganze Türme mit den Werken der jeweiligen Autor*innen auf.

Was ist die Messlatte?

Aber ich schweife ab, also zurück zur Frage: gibt es schlechte Bücher?

Was schreibe ich zum Beispiel in meinen Rezensionen, wenn ich das Buch, das ich grade lese, ganz schrecklich finde? Und macht es überhaupt Sinn, „schlechte“ Bücher (fertig) zu lesen?

Ich meine ja, wobei es aber darauf ankommt, woran ich das „schlecht“ festmache. Was ist also meine Messlatte? Ganz einfach: Die gleiche Messlatte, die ich natürlich auch an „gute“ Bücher anlege.

Zuerst einmal verreiße ich auch das schrecklichste Buch nicht, denn mir als Autorin ist klar, wie viel Arbeit (hoffentlich) der Verfasser in seinen Roman gesteckt hat und irgendetwas positives lässt sich immer finden. Ausnahme war mal ein Roman, der mich wirklich schrecklich gelangweilt hat. Der Autor ist aber so etabliert, dem schadet meine eine schlechte Buchbesprechung sicher nicht.

Ich sehe das so: es ist wie in der Schule. Wenn deine Klassenkameraden die Klassenarbeit verhauen hatten und die Fehler dann coram publico durchgesprochen wurden, war das für den Betroffenen zwar fürchterlich peinlich, aber am Ende hatten alle was davon. Sie lernten etwas aus den Fehlern die andere gemacht hatten. Könnte ja sein, dass ich diesen Fehler aus bloßem Zufall nicht auch gemacht habe, stimmt’s?

Also für mich gilt das gleichermaßen für schlechte Bücher. Wenn ich den Stil schlimm finde, wenn die Perspektiven nicht stimmen, wenn die Erzählstimme nicht funktioniert, wenn die Dialoge hölzern sind, wenn der Autor mir kein Bild der Protagonisten vermittelt, mir die Figuren also fremd bleiben, wenn ….  und wenn ich das dann bemerke und die Fehlerursache verstehe – dann ist das doch für mein eigenes Schreiben die perfekte Übung. Ich lektoriere quasi dieses Buch und lerne so, diese Fehler in meinem Roman zu vermeiden.

Gilt im Schlechten wie im Guten

So sollte man es auch mit den guten Büchern machen. Die Stellen, die gefallen, die gut funktionieren, die muss man sich markieren und daraus lernen.

Ich erinnere mich an das wunderbare Buch von Jojo Moyes „Weit weg und ganz nah“, bei dem ich ein regelrechtes Aha-Erlebnis hatte: in einer Szene steigt die Protagonistin in ihr Auto. Der Blick der Leserin wird dabei auf den Fußraum vor dem Beifahrersitz gelenkt, der übersät ist mit Müll – leeren Bonbontüten, zerdrückte Kaffeebecher, Chipstüten usw. Mehr als die Beschreibung dessen, was man dort sieht, gibt es nicht. Aber es sagt so viel von dem, was die Leserin über die Figur wissen muss.

Das hat sich mir definitiv eingeprägt, mit welchen Mitteln, die einem im ersten Moment sicher nicht unbedingt in den Sinn kommen, man eine Person charakterisieren kann.

Genauso, nur eben mit umgekehrtem Vorzeichen, gehe ich bei „schlechten“ Büchern vor. Gerade lese ich einen Roman, der mir im Grunde gut gefällt. Nur hat der Autor offensichtlich ein Faible für Metaphern und blumige Vergleiche, denn davon gibt es reichlich in seinem Buch. Damit will ich nicht sagen, dass die Bilder, die er erschafft, unpassend sind oder abgedroschen. Im Gegenteil, wenn er beispielsweise schreibt: „die schnurgeraden Asphaltwege, die auf den Feldern lagen wie ausgerollte Gurte“, dann ist das jedenfalls ein einigermaßen ungewöhnlicher Vergleich. Und das Bild, das im Kopf entsteht, ist immerhin eindeutig. Aber leider sind es dieser Bilder manchmal zu viele, wirkt ein Satz oder ein Absatz dadurch schnell überladen.

Und ich weiß, wovon ich spreche, denn genau das ist auch eines meiner Handicaps. Wenn ich im „Schreibrausch“ bin und mir die herrlich absurden Vergleiche nur so zufliegen, dann gerate ich sehr schnell in Gefahr, es zu übertreiben. Dank sei meinen Testleser*innen, die mich darauf aufmerksam machen, sodass ich beim Überarbeiten diesen Fehler glücklicherweise beheben kann. Die Lektüre dieses Romans hat mir das jetzt wieder vor Augen geführt. Was eben beweist, dass alle Schreibenden aus den Fehlern der anderen lernen können. Womit ich keinesfalls sagen möchte, dass der gerade von mir gelesene Roman schlecht wäre. Nur eben dieses Manko, das gibt es darin.

Wo genau hakt es denn?

So gibt es vieles, was man aus anderen Romanen, um nicht ständig von „schlechten“ zu sprechen, lernen kann. Kürzlich las ich einen Krimi, dessen Handlung sehr interessant war. Aber die Figuren waren eine Zumutung. Ein Klischee jagte das andere, bis auf den Protagonisten hatte keine Figur wirklich Charakter oder einen Hintergrund. Und das, was ich als Leserin über die Figuren erfuhr, war dermaßen abgedroschen, dass es schmerzte.

Was lerne ich daraus? Ist doch klar: gib dir Mühe mit deinen Figuren. Übrigens etwas, was bei mir ganz groß ganz oben auf meiner Fahne steht. Dazu kommt irgendwann mal ein Blogbeitrag, ganz sicher.

Richtig wirken können die Lehren, die wir aus „schlechten“ Büchern ziehen, natürlich nur, wenn wir ihrer bewusst sind, wenn wir verstehen, wo es klemmt und hakt und wenn wir herausfinden, wie man es besser machen könnte. Das scheint mir das Wichtigste daran zu sein: wir dürfen nicht nur denken: „Was für ein Mist!“, sondern müssen danach überlegen, was ist es, das uns stört, warum stört es uns und was müsste man ändern, damit es nicht mehr klemmt, sondern wie geschmiert läuft.

Ein anderes Beispiel sind Dialoge. Wir Schreibenden wissen, dass gerade Dialoge eines der schwersten Kapitel beim Kreativen Schreiben sind. Umso mehr, weil „schlechte“ Dialoge einen ansonsten gelungenen Roman regelrecht kaputtmachen können. Eines der letzten Bücher, die ich rezensiert habe, hatte dieses Problem. Die Dialoge, alle Gespräche darin klangen hölzern, steif, unnatürlich. So spricht kein Mensch im normalen Leben. Also habe ich während des Lesens manches Mal überlegt, wie ich dieses Gespräch schreiben würde, was die Figuren bei mir an dieser Stelle sagen und wie sie sprechen würden. Ich kann natürlich nicht mal ansatzweise behaupten, dass ich es besser könnte als der besagte Autor, aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass wir überhaupt im Stande sind, die Ursache für unser Unwohlsein beim Lesen zu erkennen. Damit ist der erste Schritt hin zu der Verbesserung des eigenen Schreibens doch getan, denke ich.

Deswegen auch schlechte Bücher lesen

Jetzt aber bitte mich nicht missverstehen. Es geht nicht darum, dass wir nun akribisch nach den Fehlern und Defiziten in den Büchern anderer Autor*innen suchen und uns etwa gar noch daran ergötzen. Mir geht es darum, deutlich zu machen, dass es auch wertvoll sein kann, ein Buch zu lesen, in dem man sich nicht so wirklich wohlfühlt. Dabei soll das aber nicht so weit gehen, dass wir uns durch 600 stinklangweilige Seiten quälen. Bitte nicht! Wenn du nach 50 oder 100 Seiten kapiert hast, worin der Haken besteht, gerne die Lektüre beenden. Ich will nicht schuld sein, wenn du deine Zeit mit „schlechten“ Büchern verbringst. Aber wenn du am Ende dein Handwerkszeug beim Schreiben deiner nächsten Geschichte, deines kommenden Romans besser anwenden kannst, dann haben sich die Stunden, die du mit diesem „schlechten“ Buch verbracht hast, vielleicht doch gelohnt.

Und ansonsten wünsche ich dir ganz viel Spaß beim Lesen richtig guter Bücher.

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