Henne oder Ei?

Du kennst die Frage, nicht wahr? Was war zuerst da? Und wie konnte das eine ohne das andere da sein? Meines Wissens hat noch niemand eine Antwort auf diese Frage gefunden.

Dafür sollte es aber doch möglich sein, herauszufinden, was wir beim Schreiben zuerst haben sollten: die Idee oder die Figuren, den Anfang oder das Ende, den Plot oder die Prämisse? Du siehst, worauf ich hinauswill: Was von all dem ist das Unverzichtbare, der Grundstein, das Fundament einer guten Geschichte, eines guten Romans?

Ich habe die Antwort jedenfalls bis jetzt noch nicht gefunden. Beziehungsweise ich glaube, dass die Antwort ganz einfach lautet: eines ohne das andere geht nicht. Das ist aber nicht die wirkliche Antwort auf die Frage, sondern nur eine Ausrede. Und es ist eine Binsenweisheit. Und es hilft nicht weiter.

Die Frage bleibt:

Was muss zuerst da sein? Soll ich von einer Idee ausgehend die Figuren und den Plot entwickeln oder habe ich eine Vorstellung von bestimmten Charakteren und will deren Geschichte erzählen? Oder habe ich gar eine Botschaft, aus der heraus ich meine Prämisse formuliere, die wiederum die Basis für meine Geschichte wird?

Funktionieren denn am Ende alle Wege für alle Geschichten? Ich glaube, das ist die eigentliche, die Gretchenfrage. Und ich glaube, die Antwort darauf ist ein klares Nein. Wenn wir an die verschiedenen Arten von Romanen oder Kurzgeschichten denken – die Plot-getriebenen, die Charakter-basierten oder die Texte, die uns etwas bestimmtes mitteilen wollen – dann ergibt sich daraus doch auf den ersten Blick, was für die jeweilige Art die Henne und was das Ei sein muss.

Sagen wir, wir möchten eine Figuren-basierte Geschichte schreiben, wir entwickeln die Protagonisten, erstellen Charakterbögen, so lange, bis wir die Personen unserer Story genauer kennen als uns selbst. Das führt, jedenfalls bei mir, in den meisten Fällen dazu, dass sie schließlich die Geschichte schreiben. Ich weiß, das klingt blöd, ist aber trotzdem wahr. Ich habe das bei meinen Kurzgeschichten ziemlich oft erlebt. Die Figuren nahmen in meiner Fantasie immer mehr Gestalt an, gewannen immer mehr Profil und ich kannte und spürte sie in all ihren Facetten. Doch wenn ich sie dann in die von mir ausgedachte Handlung pressen wollte, dann wehrten sie sich. Tatsächlich, sie wollten das, was ich ihnen auf den Leib schrieb, so nicht tun, ihr Charakter wollte etwas anderes an dieser Stelle. Ich kann mich besonders gut an eine Geschichte erinnern, die am Ende Meilen, ach was Lichtjahre weit weg war von dem, was ich ursprünglich im Kopf hatte. Aber der Protagonist, der war genau so, wie ich ihn mir erdacht, mir vorgestellt hatte. Und er war mir so nah, dass ich über sein Schicksal, das ich mir doch selbst ausgedacht hatte, Tränen vergoss.

Ende vor dem Anfang?

Nur leider funktioniert das nicht immer so klar und so folgerichtig. Wie viele Storyanfänge schlummern in meiner Schublade bzw. in meiner DropBox, in denen wunderbare, ausgefeilte Figuren auftreten. Aber beunruhigenderweise erzählen sie mir eben nicht ihre Geschichte oder sie erzählen sie mir nicht zu Ende. Und damit bin ich bei einer anderen Frage, die ich oben gestellt habe: Sollten wir das Ende unserer Geschichten kennen, wenn wir am Anfang beginnen? Anders gefragt: Können wir nur beginnen, wenn wir das Ende kennen? Bei dem im vorigen Absatz erwähnten Beispiel hat mein Protagonist die Geschichte ja zu einem ganz anderen Ende geführt als ich geplant hatte. Da hat es mir also nichts genützt, dass ich meinte, das Ende meiner Geschichte zu kennen.

Ist es vielleicht auch ein Weg, eine Geschichte überhaupt vom Ende her zu erzählen? Irgendwo habe ich mal den Tipp gelesen, dass man vor allem einen Krimi immer am besten vom Ende her plant. Da macht das für mich auch wirklich Sinn, denn ich muss ja die Spuren auslegen, die am Schluss zu Ergreifung des Täters führen (sollten), und das geht am besten, wenn ich diesen Spuren rückwärts folge. Aber ist das auch ein Tipp für andere Genres? Und was machen meine Figuren dann, wenn sie sich weigern, meinem rückwärts entwickelten Plot zu folgen?

Probieren wir es doch aus. An einem Liebesroman als Beispiel. Der ja, sofern wir uns an das Klischee halten, mit einem Happy End aufhören soll, also die Beiden kriegen sich. Und bevor sie sich beseelt in die Arme sinken, tauchen natürlich ganz viele Probleme, z.B. in Gestalt anderer Männer und/oder Frauen, auf oder einer von beiden wird krank. Wenn wir einer simplen Plotstruktur folgen, müssen die Hindernisse sich von vorne nach hinten steigern. Das bedeutet, da wir von hinten her planen, konstruieren wir zuerst das heftigste Problem. Davor dann das etwas weniger schlimme und davor dann vielleicht noch ein oder zwei eher banale Schwierigkeiten. Und zum Schluss, der hier der Anfang der Geschichte ist, müssen wir uns noch ausdenken, wie die beiden sich kennenlernen. Fertig ist der Liebesroman.

Ehrlich? So einfach?

Ist das tatsächlich die Lösung meines immer wiederkehrenden Problems der halbfertigen Geschichten, für die mir keine Enden eingefallen sind?

Es tut mir leid, aber ich glaube nicht, dass es so einfach ist. Und selbst wenn, dann doch nur bei den Plot-basierten Romanen. Wenn zuerst die Figuren entstehen, wenn sie sich entwickeln im Laufe der Handlung, wenn sie eine Reifung, eine Änderung durchmachen, muss ich dann nicht unbedingt vorne beginnen? Oder funktioniert es auch in dieser Konstellation? Wenn ich also zuerst darüber nachdenke, wie meine Protagonistin am Ende meiner Geschichte oder vielmehr ihrer Geschichte sein wird, wenn mir das genau vor Augen steht, fällt es mir dann leicht, den Anfang zu finden? Leichter als wenn ich zuerst den Beginn habe und das Ende sich vor mir verbirgt? Es klingt jedenfalls verlockend, verlockend einfach.

Ich werde das ausprobieren. Und ich werde dir hier dann über das Ergebnis dieses „Selbst-Versuchs“ berichten.

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