Immer der Reihe nach

Chronologisch schreiben?

Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wie eine Autorin ihren Roman schreibt? Natürlich meine ich jetzt nicht, ob sie ihn tippt oder mit der Hand schreibt oder vielleicht diktiert. Nein, was ich meine ist, schreibt sie ihn von vorne bis hinten chronologisch, also ein Kapitel nach dem anderen, eine Szene nach der anderen, genau in der Reihenfolge, wie du es dann später liest?

Stell dir zum Beispiel einen richtig dicken Familienroman vor, mit sagen wir etwa 700 Seiten. Erzählt wird also die  Geschichte einer Dynastie über viele Jahre, vielleicht Jahrhunderte. Würdest du diesen Roman chronologisch schreiben oder mehr nach Sinnzusammenhängen? Oder möglicherweise ganz und gar erratisch, gerade so, wie dir die Szenen einfallen? Eine ganz wichtige Frage bei dieser Frage ist: merkst du das als Leserin, als Leser später?

Das wäre jedenfalls meine Sorge beim nicht-chronologischen Schreiben. Passt dann alles zueinander, sind die Übergänge von einer Szene zur nächsten logisch und verständlich, gibt es vielleicht gar Widersprüche, Ungereimtheiten, die durch das nicht-chronologische Schreiben entstehen?

Andererseits, macht es nicht vielleicht gerade bei einem Kriminalroman Sinn, nicht der Reihe nach zu schreiben, sondern sogar mit dem Ende zu beginnen? Sollte der Autor des Krimis nicht unbedingt das Ende kennen, bevor er den Anfang schreibt?

Natürlich hängt diese Frage unweigerlich mit der Frage zusammen, bist du ein Plotter oder ein Pantser. Schreibt doch letzter ohnehin nicht nach Plan, sondern lässt die Geschichte sich selbst entwickeln. Hier kann man dann meines Erachtens nur chronologisch schreiben. Der Plotter hingegen hat keine Problem mit dem erratischen Schreiben, denn er weiß ja, wo er hin will.

Wie machst du es? Schreibst du deine Romane, deine Kurzgeschichten von vorne nach hinten in der Reihenfolge, wie die Ereignisse ablaufen? Und machst du es überhaupt immer gleich? Ich möchte dir gerne schildern, wie es bei mir ist. Es wird dich vermutlich wenig überraschen, dass beide Methoden vorkommen.

Es gibt Geschichten, die schreibe ich „einfach so runter“, sie erscheinen dann am Ende auch genauso wie niedergeschrieben, natürlich nach ausführlichem Überarbeiten. Es gibt aber ebenso auch Geschichten, an denen ich lange feile, das sind dann vor allem solche, die mehrere Szenen oder eventuell auch Rückblicke enthalten. Dabei gehe ich dann relativ prosaisch vor: ich schreibe drauf los, die Ideen lasse ich so fließen, wie sie kommen, ohne dass ich auf die logische, chronologische Reihenfolge achte. Und dann, wenn die Geschichte in meinen Augen so weit fertig ist, dass ich alles, was ich erzählen möchte, niedergeschrieben habe, dann schneide ich den gesamten Text auseinander. Ja tatsächlich, ich drucke die Seiten aus, greife zu Schere und schneide jede einzelne Szene aus. Danach ordne ich sie dann wie ein Puzzle so lange hin und her, bis mir der Ablauf logisch und stimmig erscheint.

Ich gebe zu, dass solche eine Vorgehensweise bei Kurzgeschichten, die nur wenige Seiten umfassen, sehr viel einfacher ist als bei einem Roman mit mehreren Hundert Seiten. Aber möglich wäre es schon, dass Autoren bei ihren Büchern ähnlich vorgehen. Das führt zurück zu der Frage: merkst du das als Leserin, als Leser?

Die Antwort darauf scheint mir einfach. Wenn es gut gemacht ist, wenn die Autorin ihren Plot genau kennt und den Szenenablauf spannend und stimmig gestaltet, merkst du es nicht. Oder vielmehr, du merkst, dass der Roman gut geschrieben ist, mit geschmeidigen Übergängen zwischen den Szenen.

Ein Gegenbeispiel ist der Roman, den ich gerade lese. Ein Krimi, der mit vielen Rückblicken, die ineinander verschachtelt sind, arbeitet und dadurch sehr mühsam zu lesen ist. Die eigentliche aktuelle Handlung schreitet dabei kaum voran, geschweige denn, dass Spannung aufkommt. Die aber für mich untrennbar zu einem Kriminalroman dazugehört. Bei diesem Roman sind die Übergänge hart, ein regelrechter Bruch, zumal wenn innerhalb eines Rückblicks ein weiterer eingefügt wird und so weiter. Ob der Autor chronologisch geschrieben hat, weiß ich natürlich nicht. Dass der Roman so nicht funktioniert, merke ich hingegen sehr deutlich.

Fazit wieder einmal: die einzig richtige Antwort, die einzig verbindliche Wahrheit gibt es auch hier offensichtlich nicht.

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