Vera Zischke – Pina fällt aus

⭐⭐⭐⭐⭐

Berührende Geschichte um Mutterliebe, Einsamkeit, Nachbarschaft und Hilfsbereitschaft

Auf spröde Weise und vielleicht gerade darum zu Herzen gehend erzählt Vera Zischke von Eigenbrötlerinnen und Sonderlingen, von aufbegehrenden Teenagern und einsamen Greisinnen, von unerschütterlicher Mutterliebe, von verzweifelter Sorge und helfenden Händen.

Der 20jährige Leo ist Autist, er lebt in seiner eigenen Welt, in der alles seine Ordnung haben muss. Wenn etwas seinen geregelten Ablauf stört, verwirrt ihn das so, dass er vorübergehend vollends aus seiner üblichen Bahn gerät. Geschieht dies, dann streut Pina Wattestäbchen auf den Boden, die sie dann gemeinsam sorgfältig wieder einsammeln. Pina, seine Mutter, lebt nur für ihn, lebt nur dafür, ihn zu beschützen, zu behüten, seine Welt in seiner Ordnung zu halten. Sie arbeitet in einem Callcenter um mehr Zeit für ihn zu haben, obwohl das weit unter ihren Fähigkeiten liegt und auch weit weg von ihren früheren Träumen ist.

Dass sie bei all dem auf der Strecke bleibt, dass ihre Gesundheit daran kaputt geht, das zeigt sich, als sie plötzlich auf der Straße zusammenbricht. Bewusstlos kommt sie ins Krankenhaus, wo erstmal niemand weiß, wer sie ist und ob sie Familie hat.

Derweil ist Leo – Pina wollte nur kurz einkaufen – bei der Nachbarin Inge, einer alten Dame, die mit ihrem Leben längst abgeschlossen hat, die schon so lange ihre eigene Wohnung nicht mehr verlassen hat. Als Pina nicht zurückkommt, braucht Inge Hilfe, sie weiß nicht mit Leo umzugehen.

Da kommt Zola ins Spiel, ein 16-jähriges Mädchen, das in demselben Mietshaus – das ihrem Vater gehört – ebenfalls eine Wohnung bewohnt. Sie lebt im ständigen Clinch mit ihrem Vater, dem sie nichts rechtmachen kann und der sich selbst grundsätzlich als Obermacher sieht, dem kein Problem zu groß ist.

Und schließlich noch Wojtek, ein weiterer Bewohner des Hauses, ein Einsiedler, dessen einziger Kontakt zur Außenwelt eine Onlinebekanntschaft ist.

Diese drei müssen nun irgendwie für Leo sorgen, was sie zuerst alle nur widerwillig tun. Kennen sie sich doch mit seinem Leben überhaupt nicht aus, sie wollen kein Verantwortung übernehmen, sie kennen sich gegenseitig nicht wirklich. Doch vor allem Zola erweist sich als geeignet, mit Leo umzugehen und so spielt sich das Leben im Haus nach und nach ein. Was auch dazu führt, dass die drei Eigenbrötler sich aus ihren Kokons herausbewegen, dem Leben wieder öffnen. Währenddessen erfährt Pina im Krankenhaus viel Zuwendung durch einen der Pfleger.

Diese Geschichte wird warmherzig, aber ohne Schmalz und Tränendrüse erzählt, dafür mit viel Verständnis, auch für Pina, die sich wirklich für ihren Sohn aufopfert. Dabei aber nicht bemerkt, dass sie dadurch Leo auch vom „wahren“ Leben außerhalb ihrer Obhut fernhält. Dieses lernt er nun durch die anderen drei kennen.

Vieles mag ein wenig überzeichnet sein, nicht jedes Klischee wird gut umschifft. Doch die Sprache, in der Zischke ihre Geschichte erzählt, passt perfekt zum Setting, zu den Figuren und zur Handlung.

Besonders schön die Momente, in denen Leo freudig verkündet, dass er mal Busfahrer werden möchte und das, was daraus schließlich folgt, ein wirklich gelungene Szene, die auch viel über die Veränderungen in den drei Nachbar:innen erzählt.

Ein Roman, der sich lohnt, der nicht nur schön zu lesen ist, nicht nur viel lehrt über den Umgang mit besonderen Menschen, sondern auch zeigt, wie wenig es braucht, um einander hilfreich zur Seite zu stehen.

Vera Zischke – Pina fällt aus
List, März 2026
Gebundene Ausgabe, 304 Seiten, 22,99 €

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