
Ein faszinierendes Leben, geschildert in einer faszinierenden Biografie – unbedingt lesenswert
Nicht nur, weil ich grundsätzlich sehr gerne Biografien lese, sondern vor allem, weil ich schon immer von der Zeit während und nach der Französischen Revolution und der Zeit Napoleons I gefesselt war, wollte ich dieses Buch lesen. Und ich konnte es kaum aus der Hand legen, bis ich alle weit über 600 Seiten gelesen hatte.
Inzwischen in der 18. Auflage erschienen, ist diese 2014 erstmals veröffentlichte Biografie ungemein interessant, sehr detailliert, analytisch und auch psychologisch packend. Van Loo geht sehr in die Tiefe in seiner Beschreibung des Lebens dieser historischen Person, die so viel in Europa verändert hat, was teils bis heute nachwirkt.
Beginnend mit seiner Kindheit und Jugend in Korsika, seiner militärischen Ausbildung und insbesondere seines Verhaltens und Umgangs mit der Revolution, schildert der Autor nahezu minutiös, wie aus dem unscheinbaren, unbekannten Korsen der Kaiser der Franzosen, ein Despot und Diktator und am Ende ein Verstoßener werden konnte.
Van Loo beschreibt den Werdegang, die Entwicklung dieses Menschen so nachvollziehbar, dass man bei der Lektüre durchaus manches versteht, vor dem man bisher eher kopfschüttelnd stand. Dabei beschönigt der Autor nichts, er schildert die Persönlichkeit Napoleons als einen ruhelosen, hyperaktiven Charakter, als einen Mann, der am liebsten alles selbst erledigen will, der nur schlecht delegieren kann.
Doch während Napoleon unzählige Kämpfe auf vielen Schlachtfeldern ausficht, während er ein Land, ein Königreich nach dem anderen erobert, schenkt er seinen Franzosen gleichzeitig den Code Civil. Und er findet noch die Zeit für diverse Liebhaberinnen, obwohl er doch nie aufhört, seine Joséphine zu lieben. Die Frau, von der er sich dennoch scheiden lässt, um die Tochter des österreichischen Kaisers zu heiraten, damit seine Dynastie in seinem Sohn weiterleben soll.
Belegt durch unzählige Zitate, oftmals aus Napoleons Briefen oder der von ihm auf St. Helena diktieren eigenen Biografie, gelingt es Bart von Loo so ein Bild eines Mannes zu schaffen, dass man in manchen Szenen fast das Gefühl bekommt, dabei gewesen zu sein.
Wenn mir in diesem fesselnden Buch auch manchmal die überaus detailreichen Schlachtenbeschreibungen etwas zu viel wurden, wenn ich manchmal zwischen den vielen auftretenden historischen Figuren ein wenig den Überblick verlor, so war dieser Einblick in einen so faszinierenden Charakter wie Napoleon Bonaparte ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte.
Das Buch endet auch nicht schlicht mit dem Tod der Hauptfigur. Van Loo, der für diese neue Auflage seines Werks etliches akribisch überarbeitete, erzählt auch von dem, was danach geschah, was in der französischen Geschichte folgte und warum vieles davon folgerichtig war, manches aber vielleicht auch anders hätte ablaufen können.
Viele Anmerkungen, eine reichhaltige Bibliografie, eine Zeittafel, Karten und zahlreiche Fotos runden dieses Buch ab, das ich uneingeschränkt empfehlen kann.
Bart van Loo – Napoleon
aus dem Niederländischen von Bärbel Jänicke
C.H. Beck, August 2026
Gebundene Ausgabe, 677 Seiten, 38,00 €