Jacqueline Harpman – Ich, die ich Männer nicht kannte

⭐⭐⭐⭐⭐

Trotz der langsamen Erzählweise spannend, dabei tiefsinnig und auch erschreckend

Dieser Roman ist einerseits durchaus verstörend und lässt die Leserin mit vielen Fragen zurück, andererseits aber auch hochdramatisch, fesselnd und berührend. Doch die im Klappentext hergestellten Vergleiche zu „Die Wand“ von Marlen Haushofer oder „Der Report der Magd“ von Margret Atwood passen meiner Meinung nach nicht wirklich. Auch würde ich das Buch nicht als feministisch bezeichnen.

Worum geht es in diesem existentiellen Roman der belgischen Schriftstellerin, der im Original 1995 erschien: In einem unterirdischen Käfig werden 40 Frauen gefangen gehalten. Alle bis auf eine sind erwachsen und wurden ohne für sie erkennbaren Grund dort eingesperrt. Eine von ihnen aber ist noch sehr jung, ein Teenager, sie kam in die Gefangenschaft als Kind und kann sich an ein Leben davor nicht mehr erinnern, auch nicht an ihre Mutter oder andere Menschen.

Sie kennt nur die anderen 39 Frauen, zu denen sie Abstand hält, weil sie sich ausgestoßen, anders fühlt. Bewacht werden die Frauen von wechselnden Bewachern, Männern, die nie reden, die ihnen Essen bringen und sie, wenn sie sich nicht an die Regeln halten, mit Peitschenhieben bestrafen. Ohne Tageslicht bestimmt das künstliche Licht, wann Tag oder Nacht ist, es wird geregelt, wann Essens- und wann Schlafenszeit ist.

Eines Tages nun kommt eine noch nie dagewesene Gelegenheit und die Frauen können fliehen. Nur zögerlich trauen sie sich, ihr Gefängnis zu verlassen, an die Oberfläche zu gehen. Einzig die „Kleine“, wie das junge Mädchen, das seinen Namen nicht kennt, genannt wird, ist mutiger. Nach und nach bewegen sich die Frauen vorwärts, finden weitere Gefangenenkäfige. Essen ist genug vorhanden, überall finden sich Vorratskammern.

So wandern sie über die Erde oder auf welchem Planeten auch immer sie sich befinden. Es vergehen Monate und Jahre, die Gemeinschaft schrumpft durch erste Todesfälle. Die Frauen bilden so etwas wie ein Dorf, bauen sich Hütten, leben weiter von den Vorräten, die sie finden. Es gibt weder Tiere noch Pflanzen und keinerlei andere Menschen.

Schließlich bleibt die „Kleine“ allein zurück und lebt noch viele weitere Jahre, ohne je anderen Lebewesen zu begegnen.

Was geschehen ist, warum die Frauen eingesperrt wurden, wo überhaupt sie sich befinden und was mit anderen Menschen geschah – nichts wird erklärt, alles bleibt der Fantasie der Leserin überlassen.

Mich hat der Roman von der ersten Seite an gefesselt, regelrecht in seinen Bann gezogen. Trotz der sehr geruhsamen Erzählweise, trotz fehlendem Tempo und sehr zurückhaltender Spannung ist dies eine Geschichte, die einen nicht loslässt, die nachwirkt, nicht nur wegen der unbeantworteten Fragen.

Jedoch würde ich es nicht als eine feministische Geschichte bezeichnen, auch wenn hier gezeigt wird, wie gut Frauen ohne Männer leben können. Doch es geht nicht ausschließlich um eingesperrte Frauen, denn die Befreiten finden in den anderen Käfig durchaus auch gefangene Männer. Manches blieb etwas vage, anderes erschien nicht plausibel, wie z.B. die angeblich Jahrzehnte reichenden und stets noch verzehrbaren Vorräte.

Doch gerade die etwas distanzierte Erzählweise, die völlig ohne Dramatisierung, Sentimentalität oder thrillerartige Wendungen auskommt, macht das Ganze so ergreifend, so real, wo es doch Fiktion ist.

Ein erschreckendes, verstörendes, aber wertvolles Buch. Ein Buch, das frau gelesen haben sollte.

Jacqueline Harpman – Ich, die ich Männer nicht kannte
Originaltitel: Moi qui n’ai pas connu des hommes
aus dem Französischen von Luca Homburg
Klett-Cotta, März 2026
Gebundene Ausgabe, 215 Seiten, 24,00 €

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