Sharon Bolton – Beste Freunde

aus dem Englischen von Marie-Luise Bezzenberger

Was für ein Thriller! Schon eine ganze Weile hat mich kein Buch mehr so gefesselt, war ich so gebannt und war die Handlung dermaßen spannend. Die englische Autorin, die mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde, war mir bislang ganz unbekannt, aber ich kann schon jetzt sagen, dass dies nicht das letzte Buch von ihr war, das ich gelesen habe.

Allein schon der Plot, der Ausgangpunkt der Ereignisse, ist so perfekt ausgedacht, so klug inszeniert. Die Handlung beginnt, als die sechs Protagonisten 17und 18 Jahre alt sind, am Abend vor ihrer Schulabschlussfeier mit Zeugnisübergabe. Die emotionale Amber, die eiskalte Talitha und die schweigsame, immer etwas abseits stehende Megan bilden zusammen mit den Jungs, Felix, dem Wortführer, dem gutaussehenden Xavier und dem verklemmten Daniel, eine eingeschworene Clique. Außer Megan sind alle Kinder aus wohlhabenden Familien, alle blicken voraus auf eine große Karriere, auf ein großartiges Leben.

Doch an diesem Abend fordert Felix sie noch einmal heraus, verleitet sie zu einer Mutprobe. Bei der drei Menschen zu Tode kommen. Für alle überraschend nimmt Megan, die gar nichts dafür konnte, die gesamte Schuld auf sich. Dafür fordert sie von den anderen Fünf jedoch ein Versprechen: sobald sie aus dem Gefängnis entlassen werden wird, schuldet jeder und jede ihr einen Gefallen. Den sie nicht ablehnen können, egal, was sie von ihnen verlangen wird.

Und so geschieht es. Megan, die erst nach langen zwanzig Jahren das Gefängnis verlassen kann, tritt wieder in das Leben der Anderen. Die haben inzwischen Karriere gemacht, Erfolg gehabt, Familien gegründet. Demzufolge ist die Panik, in welche sie jetzt geraten, enorm hoch, denn Megan könnte ihrer aller Leben zerstören. Doch wird sie das tun? Oder kommt alles ganz anders? Schlimmer vielleicht?

Abgesehen von der ungemein subtil aufgebauten und sich stetig steigernden Spannung, die sich vor allem aus dem psychologischen Aspekt, aus der enormen Schuld, die auf den Fünf lastet, speist, trägt auch die Tatsache, dass wir als Leser niemals die Gedanken von Megan kennen, dazu bei, die Suspense zu verstärken. Zu keinem Moment der Geschichte ahnt man, was in Megan vorgeht, dabei dreht sich doch alles genau darum. Was will sie, was wird sie fordern? Und was, wenn sich die anderen weigern, diese Forderungen zu erfüllen? Und was, wenn sie, die fünf sehr egoistischen und unter großem Druck stehenden Menschen, die Initiative ergreifen?

Wir folgen der Zerstörung der ehemaligen Freunde auf jeder Seite, verfolgen, wie die Schuld sie zerfrisst und sie gleichzeitig neue auf sich laden. Das ist hochdramatisch, unglaublich gut beschrieben und geschrieben. Da lenkt nichts von der Handlung ab, da ist keine langatmige Beschreibung, die aus dem Lesefluss reißt, da passen die Dialoge, da sind die Figuren enorm gut ausgearbeitet, bis hin zu den Nebenfiguren, wie beispielsweise den jeweiligen Ehepartnern.

Besonders beschäftigt hat mich bei der Lektüre die ganze Zeit die Frage, warum Megan das alles getan hat. Warum ging sie freiwillig ins Gefängnis für die anderen? Und wie erging es ihr damit? Dadurch, dass wir ihre Stimme nie hören im Roman, bleiben diese Fragen offen. Was in meinen Augen eine ganz besondere Faszination bewirkt.

Immer wieder gibt es neue, unerwartete Wendungen, immer neue Wege, die sich anbieten und die Lösung ebenso wie das Verderben bedeuten können. Und nie weiß die Leserin mehr als die Protagonisten, sondern folgt voller Angst und Anspannung dem Geschehen.

Einzig das Ende, nicht die Auflösung, die hochdramatisch ist, sondern das, was danach noch kommt, das ist ein wenig zu unspektakulär, zu brav. Was aber nur eine Randbemerkung ist, eine Mäkelei auf hohem Niveau.

Ein Psychothriller der Extraklasse – absolut empfehlenswert.

Sharon Bolton – Beste Freunde
aus dem Englischen von Marie-Luise Bezzenberger
Goldmann, August 2022
Taschenbuch, 476 Seiten, 11,00 €

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