Wie viel von dir steckt in deiner Figur?

Oder wie gerne wärst du wie sie?

Hast du dich auch schon oft gefragt, wie viel vom Autor oder der Autorin eines Romans in ihren Figuren steckt? Manchmal weiß man das aufgrund der Angaben im Buch, wenn dort, wie bei einem, das ich neulich las, erwähnt wurde, dass die Autorin unter Depressionen litt.

Hier in  „Ende in Sicht“  von Ronja Rönne wurde daraus ebenso wenig ein Geheimnis gemacht wie bei diesem Roman „Die beste Depression der Welt“ von Helene Bockhorst. Aber da ist es eher die Geschichte, die auf der Erfahrung der Autorin beruht. Doch wie viel von dem Menschen findet sich in der Protagonistin wieder? Welche Eigenschaft, die die Autorin ihrer Figur andichtet, hat sie selbst? Oder wie sehr wäre die Autorin gerne wie ihre Figur?

Sehr oft identifizieren Leser die Figuren in Romanen mit den Schriftstellern, meinen, der Autor ist sicher genauso schüchtern oder wahlweise arrogant wie der Held im Buch, denken vielleicht, die Protagonistin im Liebesroman trägt die Züge der Autorin. Manchmal führt das dann zu komischen Situationen, in denen die Leserinnen die Autorin trösten möchten über den Verlust des Geliebten und ähnliche Begebenheiten, von denen man ja schon mal gehört oder gelesen hat.

Wenn wir ehrlich sind, lässt es sich wahrscheinlich nicht vermeiden, dass wir beim Erdichten unserer Figuren ihnen Charaktereigenschaften verpassen, die wir einerseits selbst haben (vielleicht ohne es selbst zu wissen oder es zuzugeben) oder die wir gerne hätten. Und ist das nicht das Wunderbare am Schreiben, dass wir Menschen erschaffen können, die genau so sind, wie wir sein möchten, mit allen Stärken und Schwächen, mit all dem Mut, den wir uns manchmal wünschen, mit der Geduld oder der Abenteuerlust, die wir bei uns vermissen?

Ich finde das auch gar nicht verwerflich. Problematisch wird es in meinen Augen dann, wenn der Roman oder die Geschichte, die wir schreiben, zur Selbstanalyse mutiert. Dann sollten wir vielleicht lieber gleich eine Autobiographie schreiben, das wäre ehrlicher, oder nicht?

Oft habe ich gelesen, dass das Schreiben helfen soll, Probleme, Lebenskrisen zu lösen. Das kann ich mir dann wieder gut vorstellen. Du erdichtest eine Figur, die deine Probleme hat und lässt sie die Lösung finden. Dazu gibst du ihr die Eigenschaften, die sie benötigt und findest so auch für dich den Weg heraus aus der Krise. Ob es wirklich so einfach ist, wie es sich hier hinschreibt, vermag ich nicht zu urteilen. Auch das ist sicher von jedem selbst und von der Größe des Problems abhängig.

Aber zurück zum Thema: schau dir einmal die Figuren in deinen Geschichten an, schau genau hin, wie sie sind, wie sie mit den anderen Charakteren im Roman umgehen, welche Vorlieben und welche Ticks sie haben? Erkennst du dich darin wieder? Wahrscheinlich entsprechen nicht alle Eigenschaften einer einzigen deiner Figuren genau dir selbst. Vermutlich wird die eine so reden wie du, die andere deinen Hang zu Süßigkeiten haben und die dritte so schüchtern sein wie du. Und wäre das schlimm? Ich finde nicht. Dafür darfst du dann auch die Schüchterne mit immer größer werdendem Selbstbewusstsein ausstatten und die Süßschnute wird erfolgreich eine Diät machen und dann natürlich den Helden erobern. 😉

Ganz nebenbei hilft dir dies auch, einen besseren Roman zu schreiben. Denn, davon bin ich überzeugt, je besser du deine Figuren kennst, desto besser kannst du dich in sie hineinversetzen. Dann erst weißt du, wie sie in welcher Situation reagieren, wie sie fühlen, handeln, denken. Und wen kennst du besser als dich selbst?

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