Charlotte Fondraz – Der Prinz im Labyrinth

Einen Altertumsroman, der auf dem Mythos des Minotaurus beruht, legt die unter einem Pseudonym schreibende Autorin, studierte Anthropologin, die sowohl in Deutschland wie in Frankreich zu Hause ist, hier vor. Auf verschiedenen Zeitebenen und aus unterschiedlichen Perspektiven schildert sie erfundene Ereignisse auf Kreta vor 3600 Jahren.

In dem Mythos dringt Theseus in das Labyrinth ein, um den Stier Minotaurus zu töten. Damit er wieder herausfindet, gibt Ariadne ihm einen Wollknäuel mit, welches er beim Hineingehen abrollen soll. Wenn er dann den Faden zurückverfolgt, findet er den Ausgang wieder. Für diese Hilfe lässt sich Ariadne von Theseus versprechen, dass er sie heiraten wird.

Die Geschichte, wie sie Charlotte Fondraz erzählt, beginnt mit der Ermordung Asterions, des Sohns der regierenden Königin Pasiphaë. Da der Jüngling, der außer bei seiner Mutter am ganzen Hof unbeliebt ist, am Abend vor seinem Tod mit dem zu Besuch in Knossos weilenden Theseus Streit hatte, wird dieser umgehend des Mordes verdächtigt. Pasiphaë beauftragt Daidalos, den Baumeister und einzigen wirklichen Kenners des Palastes, mit der Aufklärung. Dieser holt seinen Sohn Ikarus dazu, der ihm helfen soll. Doch statt den Täter zu finden, gerät schnell Daidalos selbst unter Verdacht und wird von der Königin gefangen genommen.

Der Palast ist ein regelrechtes Labyrinth, außer Daidalos findet sich kaum jemand auf Anhieb darin zurecht. Dieses Wissen machte Daidalos bislang zu einem geschätzten Berater der Königin, nun hilft es ihm, aus dem Gefängnis zu fliehen. Diese Ereignisse ebenso wie die Rückblicke auf den Beginn der Regentschaft Pasiphaës, auf die Tage und Stunden vor Asterions Ermordung, erfahren wir aus Daidalos‘ Perspektive. Dazwischen eingeschoben kurze Sequenzen aus der Sicht des Ikarus, der den Erzählungen seines Vater lauscht.

Schließlich gibt es noch die Perspektive von Ariadne, Pasiphaës ältester Tochter, die seit dem Mord an ihrem kleinen Bruder verschwunden ist, weshalb man Theseus der Entführung bezichtigt.

Charlotte Fondraz schreibt spannend, man spürt ihre wissenschaftlich fundierten Kenntnisse über die Zeit, die Geschichte und den Mythos. Einen Fokus richtet sie dabei besonders auf das durch ein Matriarchat regierte Kreta. Die Regierung geht stets von der Mutter auf eine Tochter über, so ist es auch in den anderen Machtzentren der Region.

Der Roman erlangt dadurch große Authentizität, beschreibt sie doch ausführlich die Kleidung der Menschen entsprechend ihrem Rang, schildert die Riten und Sitten und zeichnet ein genaues Bild des Palastes mit seiner verwickelten Architektur und den verschiedenen Dekorationselementen.

Hier liegt für mich aber auch ein Manko des Buchs. Durch diese ausführlichen, oft Fachbegriffe verwendenden Beschreibungen leidet der Handlungsfluss. Wenn Daidalos durch den Palast eilt, wird geschildert, was er sieht, wie die Gänge angelegt sind, was man durch die Fenster erblickt und so weiter. Das erscheint der Leserin unrealistisch und trübt die Spannung, denn jemand, der den Weg so oft gelaufen ist, ja ihn selbst entworfen hat, wird diese Dinge nicht mehr bemerken. Auch fällt es schwer, sich diese Termini zu merken und so auch nach weiteren Dutzend Seiten noch zu wissen, was ein Polythyron ist, ein Megaron oder ein Himation. Allerdings bin ich hier selbst unschlüssig, ob mich diese Authentizität schaffenden Details stören oder ob sie gerade das Besondere des Romans ausmachen.

Hingegen sind die häufigen Zeitsprünge und Perspektivwechsel für mich der Grund, dass ich für die Figuren keine Empathie empfinden kann. Die Erzählweise wirkt leicht unterkühlt, distanziert, was in meinen Augen andererseits den Reiz ausmacht, denn die zeitliche Distanz zu den erzählten Ereignissen wird dadurch gerade unterstrichen.

Alles in allem ist der Altertumsroman von Charlotte Fondraz ein empfehlenswertes Lesevergnügen, spannend, informativ und unterhaltend. Zumal er auch noch mit einem überraschenden, wendungsreichen Ende aufwartet.

Mehr über die Autorin auf ihrer Webseite www.charlotte-fondraz.com

Charlotte Fondraz – Der Prinz im Labyrinth
BoD, Oktober 2021
Taschenbuch, 230 Seiten, 12,00 €

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