Helge-Ulrike Hyams – Denk ich an Moria

Der Autorin – Psychoanalytikerin und Professorin für Erziehungswissenschaften, geboren 1942 – gelingt es, die Realität im Lager Moria auf Lesbos zu schildern, ohne zu dramatisieren. In ruhigem, und dadurch vielleicht gerade wirkungsvollerem, Ton beschreibt sie das Leben der Flüchtlinge ebenso wie die Zustände, unter denen die vielen NGOs versuchen, den im Lager untergebrachten Menschen zu helfen.

Helge-Ulrike Hyams hat einen Winter auf Moria verbracht, bevor Corona alle anderen Themen aus den Köpfen der Menschen und der Politiker verdrängt hat. Sie kommt mit der Schweizer NGO „One Happy Family“ auf die griechische Insel. Dieser nicht-staatlichen Organisation geht es vor allem darum, den zumeist schwer traumatisierten Geflüchteten so etwas wie eine Struktur im täglichen Leben zu geben. Sie sorgen für regelmäßiges Essen, für Beschäftigung, für Aus- und Fortbildung. Dass der Ort dieses Hilfsangebots etliche Kilometer vom Lager entfernt lag, hinderte die Hilfesuchenden nicht, sie gingen zu Fuß oder nahmen einen der zahlreichen Busse, die man meist für kleines Geld benutzen konnte.

In thematische Kapitel gegliedert, zeigt das Buch die Dinge abseits der großen, plakativen Nachrichten. So erfährt die Leserin von der erstaunlichen Bedeutung einer Lidl-Filiale in der Nähe des Lagers, von Häkelkursen, die die Autorin anbietet und die den geflüchteten Frauen nicht nur Beschäftigung, sondern auch Selbstvertrauen verschafft sowie die Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Dabei legen alle NGOs sehr großen Wert auf eine der wichtigsten Regeln vor Ort: lass die Menschen nicht zu nah an dich heran. Halte Distanz, wahre Abstand. Ansonsten richtest du mehr Schaden an als Hilfe zu leisten. Denn nicht nur die Geflüchteten werden, oftmals ganz plötzlich und ohne Vorwarnung, in andere Lager verlegt oder dürfen weiterreisen. Vor allem die freiwilligen Helfer, die aus aller Herren Länder und aus den unterschiedlichsten Motiven nach Moria kommen, wechseln immer wieder nach einer gewissen Zeit. Daher ist es, gerade für traumatisierte Kinder, gefährlich, zu enge Beziehungen aufzubauen.

Mit klarer, aber dabei immer sachlicher Sprache erzählt die Autorin von ihren Monaten auf Moria. Es ist eine sehr persönliche Sicht, die vielleicht das Augenmerk auf Dinge richtet, die andere außer Acht gelassen hätten in einem solchen Bericht. Aber vielleicht gerade darum erreicht Helge-Ulrike Hyams die Leser:innen.

Ihr Aufenthalt endet, als der Sitz ihrer Organisation in Flammen aufgeht – ein halbes Jahr, bevor das Lager in Moria brennt.

Helge-Ulrike Hyams – Denk ich an Moria
Berenberg, März 2021
Klappenbroschur, 160 Seiten, 16,00 €

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