Paolo Maurensig – Der Teufel in der Schublade

Ein ganz besonderes Leseerlebnis ist dieser Roman des italienischen, 1943 geborenen Autors. Fast meint man, dieses Buch kann nicht aus diesem, ja selbst nicht aus dem vorigen Jahrhundert stammen, sowohl Schreibstil wie auch Handlung passten viel mehr ins 19. Jahrhundert.

Allein der Aufbau, die Verschachtelung mehrerer Geschichten ineinander, ist ungewöhnlich und erfordert eine gewisse Aufmerksamkeit der Leserin.

Die eigentliche Geschichte erzählt uns ein Vikar, Pater Cornelius, der „strafversetzt“ wird in eine kleine Gemeinde in einem abgelegenen Schweizer Dorf. Hier soll 200 Jahre zuvor Johann Wolfgang von Goethe unfreiwillig eine Nacht zugebracht haben, weswegen der Pater, der den wahren Ort der Handlung nicht preisgeben will, das Dorf Dichtersruh nennt.

Hierher nun verirrt sich eines Tages ein Verleger, ein mächtiger Mann im doppelten Wortsinn, denn Dr. Fuchs, so der Name des Verlegers, ist dick, groß und tritt auch entsprechend wuchtig in Erscheinung. Das ganze Dorf gerät über seiner Ankunft in Aufruhr, entpuppen sich doch plötzlich und überraschend fast alle Bewohner als verkannte und unerkannte Schriftsteller. Einzig Pater Cornelius steht dem Verleger skeptisch, ja regelrecht feindselig gegenüber. Als dieser dann auch noch einen Schreibwettbewerb mit einer beträchtlichen Preissumme ausruft, ist das Chaos perfekt. Hunderte Texte werden eingereicht und der Pater auserkoren, eine Vorauswahl zu treffen. Nachdem er dies nach bestem Wissen und Gewissen getan hat, bricht unter den Dorfbewohnern Neid und Missgunst aus, weil niemand dem anderen den Erfolg gönnt.

Über all dem schwebt des Paters Verdacht, dass der Verleger niemand anderer ist als der Teufel höchstpersönlich. Diesen unschädlich zu machen fühlt sich der Pater nunmehr berufen.

Diese Geschichte mit all ihren Verwicklungen und vor allem ihrem hintergründigen Humor zu lesen, macht diebische Freude. Zumal zwischen den Zeilen mit so einigem „abgerechnet“ wird, nicht zuletzt mit dem Literaturbetrieb als solchem.

Übersetzt wurde der Roman von Rita Seuß, der es in meinen Augen gut gelungen ist, diese unterschwelligen, satyrischen Botschaften zu transportieren.

Paolo Maurensig: Der Teufel in der Schublade
Nagel & Kimche, August 2020
Gebundene Ausgabe, 128 Seiten, 18,00 €

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