Mechtild Borrmann: Grenzgänger

Ein verstörendes Buch. Eine beklemmende Geschichte. Mechtild Borrmann erzählt im Nachwort, dass sie auf Flohmärkten gezielt Fotoalben kauft und beim Durchblättern und Studieren der alten Aufnahmen den Anstoß zu ihren Büchern bekommt. Darauf folgt dann, das ist ihren meist historischen Themen geschuldet, eine intensive Recherche. Und die merkt man dem Buch an.

Der Roman – die Handlung ist frei erfunden, auch wenn der kühle, reportagenhafte Stil anderes nahezulegen scheint – erzählt auf mehreren Zeitebenen und aus verschiedenen Perspektiven die Geschichte der Henni Schöning, beginnend gegen Ende des zweiten Weltkriegs. Sie wächst zusammen mit ihren drei jüngeren Geschwistern in einem Dorf in der Eifel, nahe der belgischen Grenze, auf. Der Vater kommt, äußerlich unverletzt, aber geistig und seelisch zerrüttet, aus dem Krieg zurück. Unfähig, in seinem Beruf als Juwelier weiterzuarbeiten, unfähig, sich dem harten Leben in der Eifel zu stellen, zieht er sich in eine ungesunde, fast besessene Nähe zur Kirche zurück. Die Mutter muss mehr oder weniger allein für die Kinder sorgen. Henni hilft schon früh bei allem mit. Sie ist diejenige, die sich von Anfang an dem Vater widersetzt, die nicht akzeptieren will, dass er seiner Verantwortung für die Familie nicht nachkommt. Damit ist der Grundstein gelegt, für alles, was danach geschieht. Denn alle Schicksalsschläge, die Henni und ihren Geschwistern widerfahren, beruhen letztendlich auf dem Versagen des Vaters.

Nach dem Tod der Mutter sorgt allein Henni für die Familie, der Vater würde die Kinder gerne – und dabei wird er von dem bigotten Pfarrer tatkräftig unterstützt – in ein Heim abschieben. Um überhaupt ein Auskommen zu haben, beginnt Henni, zu schmuggeln. Das war in den Jahren nach dem Krieg im Grenzgebiet zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden gang und gäbe. Der Schmuggel von vor allem Kaffee und Butter war ein einträgliches Geschäft. So gelingt es Henni, ihre Geschwister zu ernähren. Da ist sie selbst gerade 15, 16 Jahre alt.

Doch sie werden erwischt und es kommt zur ersten Katastrophe. Henni kann es nicht mehr verhindern, dass ihre Brüder in ein Kinderheim kommen. Sie selbst wird in eine Besserungsanstalt geschickt.

Wie Borrmann die Zustände in dem Kinderheim schildert, jagt dem Leser eine Gänsehaut über den Rücken. Aus den Erkenntnissen der letzten Jahre wissen wir, dass es solche Bedingungen in dieser Zeit und leider noch lange danach in deutschen Kinderheimen tatsächlich gab. Die Wirkung des  Textes ist umso nachhaltiger und bedrückender, weil Borrmann so zurückhaltend, ja fast leidenschaftslos schreibt. Es mangelt keinesfalls an Empathie, der Leser leidet und fühlt mit, aber niemals wird gezielt auf die Tränendrüse gedrückt. Wut ist das vorrangige Gefühl, das mich beim Lesen durchdrungen hat. Wut auf den Vater, der in seiner Verbohrtheit und Borniertheit das ganze Unglück seiner Kinder verursacht. Und Wut auf die Verantwortlichen im Kinderheim. Die Art, wie Mechthild Borrmann schreibt, diese Lakonie, vermittelt den Eindruck, man läse einen Tatsachenbericht und das macht es so unglaublich glaubwürdig.

Vieles wird im Rückblick geschildert, eine Erzählperspektive ist die eines anderen Jungen, der im selben Kinderheim gelebt hatte wie Hennis Brüder. Auslöser für seine quälenden Erinnerungen ist ein von Henni viele Jahre später angestrengter Prozess gegen das Kinderheim. Dort soll er als Zeuge aussagen.

Die dritte Zeitebene wird aus der Perspektive einer Freundin Hennis erzählt und spielt wenige Monate nach dem oben erwähnten Prozess. Henni wird des Mordes angeklagt – es dauert, bis der Leser erfährt, wen sie ermordet haben soll – und im Zusammenhang mit diesem Verfahren erinnert sich die Freundin Elsa an die Geschehnisse nach dem Krieg und in den Folgejahren.

Das Buch erschüttert, das Buch macht wütend und es lässt einen wünschen, dass solche Zeiten wirklich endgültig vorbei sind.

Sehr empfehlenswert

Mechtild Borrmann: Grenzgänger
Droemer Knaur, Oktober 2018,
Hardcover, 288 Seiten
20,00€

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