
Schicksale dreier Frauen in einem etwas emotionsarmen Roman
Das Buch schildert, auf Basis der Erinnerungen von Zeitzeugen, die Erlebnisse von drei Frauen in der Zeit vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg. Drei Frauen, die wohl mehr oder weniger typisch sind für das, was damals vielen Menschen geschah und für die Folgen, die das für ihr weiteres Leben hatte.
Mechtild Borrmann, deren Romane „Trümmerkind“ und „Feldpost“ ich ungemein spannend und emotional fand, erzählt hier auf mehreren Zeitebenen. Es beginnt in der Zeit kurz nach dem Mauerfall, mit der Erzählperspektive einer zuerst noch namenlosen älteren Frau. Sie lebt allein mit ihrem Hund, hat einen Garten und wenig Kontakt abgesehen von einem befreundeten Ehepaar. Sie schweigt zu ihrer Vergangenheit, wofür sie, wie sich später herausstellt, einen guten Grund hat.
Dann begegnen wir Lene im Jahr 1931, die später, nach einer unerlaubten Liebe zu einem Holländer, heiratet und einen Jungen zur Welt bringt, der scheinbar behindert ist, da er nicht oder nur sehr langsam spricht. So kommt Lene mit Nora in Kontakt, einer Kinderkrankenschwester, die wie sie selbst vom Niederrhein stammt und um mehrere Ecken auch mit Lene verwandt ist. Nora arbeitet in einem Krankenhaus, von wo nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten Kinder in Euthanasie-Kliniken verbracht werden, Kinder, die behindert, in den Augen der Nazis „unwert“ sind. Nora kann jedoch verhindern, dass Lenes Sohn dieses Schicksal erleidet, was jedoch dazu führt, dass für sie nun ein Leben auf der Flucht beginnt.
Nora lernt Liselotte kennen, die zuerst ein eher unbeschwertes Leben führt, dann aber, nach Kriegsende, zusammen mit Nora von den Russen in ein Lager weit im Osten der Sowjetunion verbracht wird. Dort müssen die Frauen unendlich hart arbeiten unter unmenschlichen Bedingungen für viele Jahre, bis sich eine Möglichkeit der Flucht ergibt.
Währenddessen kämpft Lene um ihren Sohn, den sie immer wieder verstecken muss, damit er ihr nicht fortgenommen wird. Dabei hilft ihr auch ihrer frühere Liebe, der Niederländer.
Zwischen all diese vergangenen Ereignisse gibt es immer wieder kurze Einschübe, die im Jahr 1991 in der dann ehemaligen DDR spielen. Die immer noch lange namentlich nicht genannte ältere Frau tut dabei nicht viel, sie geht in den Garten, pflückt Gurken, führt ihren Hund aus. Diese Einschübe sind – leider – unendlich langweilig und bringen die Handlung in keiner Weise voran. Dennoch ahnt man irgendwann, worauf das hinauslaufen wird.
Die Schilderungen der Ereignisse zwischen den Jahren 1931 und 1948 sind da zwar einerseits spannender. Aber dank des typischen Schreibstils von Mechtild Borrmann fehlen fast gänzlich Emotionen. Das Ganze liest sich wie ein Tatsachenbericht, es packt nicht, man fühlt nicht mit den Protagonistinnen, man kann sich nicht in sie hineinfühlen, sie bleiben stets auf Distanz zur Leserin.
Auch wirken sie etwas stereotyp, wie Beispielfiguren für das Schicksal vieler Menschen, vieler Frauen vor allem, in jener Zeit. Das liegt daran, dass zu viel in die jeweilige Figur hineingepackt wurde, um alle Themen irgendwie abzudecken. Auch das trägt dazu bei, dass mir die Charaktere, so sehr man dem Verlauf der Ereignisse mit einer gewissen Spannung und mit Interesse folgt, nie nah genug kamen, um mich in die Geschichte wirklich hinein zu ziehen.
So ist dieser Roman zwar lesens- und in jedem Fall empfehlenswert, jedoch nicht unbedingt berührend oder gar rührselig.
Mechtild Borrmann – Lebensbande
Droemer, November 2025
Gebundene Ausgabe, 281 Seiten, 24,00 €
Schau auch hier: Mechtild Borrmann – Feldpost und weitere