
Tränenreicher und kitschiger, aber spannender Schmöker um eine traumatisierte Familie
Auch wenn in diesem Roman strömeweise die Tränen fließen, auch wenn mir die Protagonistin irgendwann ziemlich auf die Nerven geht wegen ihrer weinerlichen, panischen Art, so habe ich dieses Buch dennoch verschlungen. Denn es ist ein rechter Schmöker, der ziemlich geschickt Spannung aufbaut.
Grace lebt mit ihrem Vater, der immer mehr in der Demenz versinkt, auf der heruntergekommenen Farm der Familie. Sie arbeitet zeitweise in einem Anwaltsbüro, kümmert sich jedoch hauptsächlich um den Vater, der fast rund um die Uhr betreut werden muss. Ihre Mutter ist vor einigen Jahren gestorben und ihr Bruder starb beim Untergang seines Schiffes. So zumindest bisher der Glaube von Grace und ihrem Vater.
Dann aber steht ein junges Mädchen vor der Tür und behauptet, Michael würde noch leben und er wäre ihr Vater. Grace will Malin, so der Name der jungen Frau, abwimmeln, doch ihr Vater Jack lässt sich von Malins Gedanken anstecken. Grace aber, die stets und ständig fürchtet, ihrer Aufgabe, für ihren Vater zu sorgen, nicht gewachsen zu sein, alles falsch zu machen, hat große Angst vor der Behörde, davon, dass man ihren Vater fortbringt, in ein Heim steckt.
Dabei handelt es sich nicht nur um die Sorge, den Vater in einem Heim zu sehen, sondern auch um den gefürchteten Verlust ihrer einzig ihr verbliebenen Bezugsperson. Grace ist geschieden und hatte einen Sohn, dessen Schicksal man im Laufe des Romans erfährt. Sie ist eine eher schüchterne, recht verstörte Frau mittleren Alters, die ständig panisch ist, ihren Vater permanent umhegt und um ihn herumflattert, penetrant in Tränen ausbricht wegen allem und jedem und kaum zu eigenen Entscheidungen fähig.
Doch schließlich lässt sie sich auf das Abenteuer ein und Grace, Malin und Jack brechen auf, Michael zu suchen.
Zwischen diese laufende Handlung sind Sequenzen eingefügt, die aus der Perspektive von Michael, in Ich-Form, die damaligen Ereignisse schildern. Wie es zu seinen Zerwürfnis mit dem Vater kam, wie es zu dem Unglück kam, bei dem er ertrunken sein soll.
Auch wenn ich es meist weniger mag, wenn es zu viele Rückblenden und zu viele Perspektiven gibt, so ist das hier nicht störend. Allerdings unterlaufen der Autorin immer wieder, sowohl in der laufenden Handlung wie auch in den Rückblicken, üble Perspektivfehler. So wechselt manchmal mitten in einem Satz der Blickwinkel des Erzählens, um gleich darauf wieder zur ursprünglichen Perspektive zurückzukommen. Das stört und irritiert und ist durchaus dem Lektorat anzulasten.
Ansonsten habe ich diesen Roman, so tränenreich und kitschig er sein mag, verschlungen, denn er entwickelt nach und nach eine durchaus erhebliche Spannung, einen regelrechten Sog. Ich wollte unbedingt wissen, was nun wirklich mit Michael geschah. Und die Geschichte wartete noch mit einigen Überraschungen auf (schließlich sogar mit der momentan wirklich penetranten Thematik der homosexuellen Liebe (nichts dagegen, aber warum muss das derzeit in wirklich jedem Buch vorkommen?)), so dass ich den Roman während der letzten 100, 150 Seiten nicht mehr aus der Hand legen wollte.
Also ein richtiger Schmöker, eine Familiengeschichte, weder klischeefrei noch stilistisch wertvoll – ständig rast, klopft, hämmert, stolpert irgendwem das Herz, Tränen fließen literweise, dazu die erwähnten fehlerhaften Perspektivwechsel – aber für Leserinnen mit Neigung für Herz und Schmerz voll umfänglich empfehlenswert.
Kathy Biggs – Wie Schiffe auf stürmischer See
Originaltitel: Attention All Shipping
aus dem Englischen von Birgit Schmitz
dtv, Dezember 2025
Gebundene Ausgabe, 398 Seiten, 22,00 €