
Schweres Thema dramatisch geschildert – kein einfacher Roman
Die Rezension dieses Buchs fällt mir nicht leicht. Denn einerseits greift der Roman ein ganz wichtiges und schweres Thema auf, über das es nicht genug Romane oder Sachbücher geben kann. Andererseits empfand ich die Art der Darstellung, die Schilderung des Schicksals der Protagonisten als nicht völlig überzeugend. So muss meine Rezension trennen zwischen diesen beiden Aspekten.
Der Roman widmet sich dem traurigen und leider längst nicht genug thematisierten Problem des Femizids, der Tötung von Frauen, meist durch den Partner oder Ex-Partner. Emma, junge Mutter, wird von ihrem Mann vor den Augen der kleinen Tochter Maja getötet. In Rückblicken schildert die Autorin, aus vielen wechselnden Perspektiven, die Folgen, die diese Tat auf die Angehörigen hat. Natürlich insbesondere auf die neunjährige Maja, aber auch auf Emmas Eltern Per und Brigitte, auf Emmas beste Freundin Liv, die auch Majas Patentante ist.
Maja ist traumatisiert, wird von einer Psychologin betreut, lebt bei den Großeltern, doch auch die Eltern ihres Vaters, des Mörders ihrer Mutter, möchten das Sorgerecht, worüber später ein Rechtsstreit entbrennt.
Per und Brigitte ebenso wie Liv wiederum hadern vor allem damit, dass sie nie merkten, dass Emma von ihrem Mann verprügelt und gequält wurde, dass Emma nie mit ihnen darüber sprach, dass sie die Tat nicht verhindern konnten. Dies ist einer der besonders wichtigen und herausragenden Aspekte des Romans, zu zeigen, wie wichtig, wie entscheidend es ist, dass Frauen, die sich in solchen Situationen befinden, darüber reden. Leider jedoch verhindert die Scham meistens, dass sie sich öffnen, sich mitteilen.
Zwischen die jeweiligen Kapitel aus wechselnden Perspektiven sind Rückblicke auf die Ereignisse in der Vergangenheit und rund um den Mord eingefügt. Darüber hinaus gibt es Prozessakten, Zeitungsberichte, Studien zu Femiziden und vieles mehr, was die Autorin ergänzend zur Handlung hinzufügt.
Weiterhin schiebt sie Szenen ein, die es nie gab, die sich die Figuren erträumen, wünschen. Szenen, in welchen Emma mit ihnen gesprochen hat, Momente, in welchen sie hätten agieren, die Tat verhindern können.
All das ist sehr ergreifend, es macht wütend, verzweifelt, gerade weil es immer wieder geschieht und weil so wenig geschieht, es zu verhindern. Von dieser Seite betrachtet ist der Roman von Jasmin Schreiber ein wichtiger Beitrag zum Thema und muss unbedingt zur Lektüre empfohlen werden.
Auf der anderen Seite jedoch hadere ich mit dem Stil, mit der Weise, in welcher die Autorin die Dinge darstellt, beschreibt. Das ist mir oft zu plakativ, mit zu dickem Stift, zu breitem Strich gezeichnet. Durch die vielen, ständig wechselnden Perspektiven – sogar der Hund hat eine eigene Erzählperspektive! – gelang es mir nicht, einer der Figuren wirklich nah genug zu kommen, nah genug, um mich in sie hinein zu fühlen, ihre Emotionen mitfühlen zu können.
Was nicht meint, dass ich die Gefühle nicht nachvollziehen konnte, dass ich die Wut und die Trauer der Eltern, das Trauma des kleinen Mädchens nicht verstehen konnte. Für mich war aber alles ein wenig zu penetrant ausgeführt, zu tränenreich. Dazu gab es viele Wiederholungen, innerhalb einer Perspektive sowie zwischen den jeweiligen Schilderungen der Figuren.
Einige der Kniffe, die Jasmin Schreiber anwendet, sind gelungen und glücklich gewählt, wie diese Einschübe von Wunschträumen. Andere sind weniger genial, es gibt zahlreiche missglückte Vergleiche, Metaphern, zahlreiche unnötige Phrasen. So war mir manches am Ende einfach too much.
Das ist somit ein Roman, bei dem Thema und Stil unbedingt getrennt zu bewerten sind. Eine Leseempfehlung kann ich dennoch aussprechen.
Jasmin Schreiber – Da, wo ich dich sehen kann
Eichborn, Oktober 2025,
Gebundene Ausgabe, 428 Seiten, 24,00 €
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