Edward Carey – Edith Holler

⭐⭐⭐⭐⭐

Die wundersame Geschichte eines kleinen Mädchens, welches das Geheimnis einer Stadt aufdeckt

Was für ein Roman! Eine verrückte, aber gelungene Mixtur aus Fantasy, Horror, Märchen, Historie, Grusel, Drama und obendrauf die faszinierende Beschreibung des englischen Theaters zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Ein Roman, den man langsam lesen muss, in kleinen Dosen, denn zu viel davon auf einmal könnte verstören, erschrecken. Die Geschichte um die kleine Edith Holler, die im Jahr 1901 zwölf Jahre alt ist und wegen eines Fluchs das Gebäude des Theaters in der Stadt Norwich, welches ihr Vater führt, niemals verlassen darf.

Der Fluch, den eine Verwandte bei Ediths Geburt aussprach, besagt, dass das Theater einstürzen würde, sollte das Mädchen jemals das Haus verlassen und auf die Straße treten. Edith selbst ist kränklich und könnte dabei sterben. So ist ihr Vater stets ungemein besorgt um seine Tochter und alle Beschäftigen im Theater, darunter Ediths diverse Onkel und Tanten, sind bestrebt, das Kind zu beschützen.

Immerhin darf Edith in einer Art Schaukasten kleine Stücke aufführen, aber sie darf niemals sprechen. Dabei ist das Mädchen hochintelligent, hat eine ausgeprägte Beobachtungsgabe und ist darüber hinaus auch noch schriftstellerisch begabt. Um sich zu beschäftigen, liest sie viel, alles, was ihr an Büchern in die Finger gerät. Bei dieser Lektüre alter Aufzeichnungen und Geburts- und Sterbelisten fällt ihr auf, wie viele Kinder in der Vergangenheit aus Norwich verschwanden.

Seit vielen Jahrhunderten verschwinden immer wieder Kinder, tauchen niemals wieder auf. Und anscheinend hat niemand hinterfragt, wo sie blieben, was aus ihnen wurde. Edith beschäftigt diese Frage sehr und sie beginnt, zu kombinieren, zu überlegen. Dabei vertieft sie sich immer mehr in die Stadtgeschichte, die viele skurrile Charaktere hervorbrachte, darunter die sogenannte Maw Meg, eine Vorfahrin der heutigen Fabrikbesitzerin Margaret Unthank (nomen est omen!). In ihrer Fabrik wird „Käfermarmelade“ hergestellt, die, wie der Name sagt, aus Käfern produziert wird. Schließlich beginnt Edith, ein Theaterstück zu schreiben, in welchem sie darlegen will, was wirklich mit den verschwundenen Kindern geschah.

Besagte Margaret nun wird die neue Frau von Ediths Vater und damit beginnen die Probleme erst so richtig. Denn die Frau entpuppt sich als das Sinnbild jeder bösen Stiefmutter und es kommt noch viel, wirklich viel schlimmer.

Ab jetzt beginnt der Roman endgültig, ins Absurde, Skurrile und Gruselige abzudriften. Dabei bleibt er stets hochspannend, immer auch voller Witz und Ironie. Die Figuren, all die Onkel und Tanten Ediths sind vollgestopft mit Absonderlichkeiten, merkwürdigem Verhalten, doch auch liebenswert, manchmal tollpatschig, manchmal hinterlistig hilfreich für Edith.

Die Ereignisse werden immer spukhafter, fantastischer, verrückter. Doch man kann nicht aufhören zu lesen, weil man unbedingt erfahren will, wie es Edith ergeht, ob es ihr gelingt, sich gegen die böse Margaret durchzusetzen und der Stadtbevölkerung zu zeigen, was mit ihren Kindern geschah.

Dieses Buch passt in keine Schublade, die Handlung so zusammenzufassen, dass man sie versteht, ist kaum möglich. Dazu kommen noch die genialen, teils verstörenden, teils witzigen Zeichnungen, die den Text auflockern und aus der Feder des Autors selbst stammen.

So kann ich den Roman uneingeschränkt empfehlen, zumindest für Leser:innen mit guten Nerven, mit einen Sinn für gruseligen Humor, mit Gespür für einen immens guten Schreibstil, einen immens guten Autor. Schon den Roman „Petite“ von Edward Carey mochte ich sehr, der ähnlich fantasievoll ist, aber weniger spooky.

Edward Carey – Edith Holler
C.H.Beck, März 2025
Gebundene Ausgabe, 428 Seiten, 28,00 €


Schau auch hier: Edward Carey – Petite

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