Kategorie: Rezension
Nick Hornby – Just like you
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Mir über diesen neuen Roman des beliebten und renommierten Autors ein Urteil zu bilden, fällt mir nicht leicht. Das Thema ist spannend und aktuell, der Stil ist erfrischend wie immer bei ihm und dennoch stellt mich das Buch nicht gänzlich zufrieden.
Das liegt vor allem an der Dialoglastigkeit. Der ganze Roman besteht größtenteils aus Dialogen, aus Gesprächen zu zweit, zu dritt. Bekanntlich sind ja etliche der Bücher von Nick Hornby erfolgreich verfilmt worden. Und da liegt meines Erachtens die Crux: der Roman wirkt wie ein Drehbuch, allerdings ohne die Regieanweisungen zu den Dialogen. Damit will ich sagen, dass die Gespräche über viele Seiten dahinplätschern, die Menschen dabei gerne aneinander vorbeireden oder die Botschaften zwischen den Zeilen verstecken, aber das „Leben“ beim Sprechen fehlt. Elizabeth George nennt das, was ich hier vermisst habe, in ihrem Buch Wort für Wort die „Geschwätzvermeidungsstrategie“. Dabei sind die Dialoge, wie immer bei diesem Autor, sehr spritzig, lebensecht, realistisch. So sprechen die Menschen heute, so reden Mütter mit ihren Söhnen, Frauen mit ihren Männern, Freundinnen miteinander.
(mehr …)Wiebke von Carolsfeld – Das Haus in der Claremont Street
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Ein weiteres Debüt aus Kanada. Und was für eins. Die in Deutschland geborene Autorin, die als Regisseurin preisgekrönte Filme drehte, erzählt uns in ihrem fesselnden Roman das Psychogramm einer Familie. Dabei zeichnet sie so wunderbare Figuren und entwirft so bildhafte Szenen, dass die Leserin manches Mal nicht weiß, ob sie lachen oder weinen soll.
Die Familie, um die es geht, besteht aus so präzisen wie individuellen Charakteren, deren liebenswerte Egozentrik, würde man diesen Menschen im echten Leben begegnen, einen doch gelegentlich auf die nächste verfügbare Palme treiben würde.
Dabei dreht sich alles um den kleinen Tom, 9 Jahre alt und schwer traumatisiert. Seit er mitbekam, wie sein Vater seine Mutter erschlug und anschließend sich selbst erschoss, spricht er kein Wort. Er verkriecht sich in sich selbst, saugt permanent an seinem Daumen und fügt sich immer wieder möglichst heftige Schmerzen zu. Tom kommt zuerst zu seiner Tante Sonya, der ältesten Schwester seiner Mutter. Doch sie scheitert an dem Verhalten des Jungen, ist sie doch mit sich selbst ganz und gar nicht im Reinen.
(mehr …)Andreas Wagner – Jahresringe

Schon wieder ein erstaunliches Debüt. Andreas Wagner, der aus der Region stammt, über die er schreibt, erzählt uns eine Geschichte über Flucht und Vertreibung, über Heimatverlust und Heimatsuche und er erzählt die Geschichte des Braunkohletagebaus zwischen Aachen und Köln. Der Autor hat dabei einen ganz eigenwilligen Stil, manchmal tiefgründig, manchmal mystisch, mal skurril und mal hochspannend.
Leonore Klimkeit flieht in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs „so weit nach Westen wie möglich“. Sie gibt vor, 21 Jahre alt zu sein, obgleich sie viele Jahre jünger ist, als sie Ostpreußen verlassen muss und schließlich nach einer zwei Jahre währenden Flucht in dem kleinen Ort Lich-Steinstraß in der Nähe von Jülich landet. Trotz der sehr heftigen und viele Jahre anhaltenden Ablehnung durch die Dorfbewohner als „Flüchtling“ findet sie Aufnahme bei Hannes Immerath und seiner Mutter. Hannes, oder Jean, wie er genannt wird, ist der Bäcker des Dorfes. Im Laufe der Jahre übernimmt Leonore nach und nach die Arbeit von Jean und erbt schließlich seinen Laden und die Backstube.
Sie bringt einen unehelichen Sohn, Paul, zur Welt, was zu noch mehr Ausgrenzung im Ort führt. Leonore fühlt sich so richtig heimisch nur, wenn sie im Wald ist. Der riesige und uralte Bürgewald schenkt ihr Geborgenheit und Zuflucht. Hier kann sie träumen und „schweben“, hier findet sie Ruhe und Kraft.
(mehr …)Dani Atkins – Wohin der Himmel uns führt
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Wer die Bücher von Dani Atkins liest, weiß, was sie erwartet. Wer die Bücher von Dani Atkins liest, weiß, dass sie Taschentücher brauchen wird und dass es rührselig zugehen wird. So auch in diesem neuen Roman, in dem sich die Autorin ein wirklich heikles Thema vorgenommen hat.
Die Geschichte wird erzählt aus den Perspektiven der beiden jungen Frauen Izzy und Beth. Beth hat vor einigen Jahren ihren geliebten Mann Tim durch Krebs verloren. Bevor er starb haben sie drei Embryonen kryokonserviert, damit sie auch dann Kinder bekommen könnten, falls er durch die Krebsbehandlung unfruchtbar würde. Zwei Versuche sind bisher fehlgeschlagen, als Beth nun den Entschluss fasst, den dritten verbliebenen Embryo austragen zu wollen.
Izzy, deren Mann Pete vor kurzem ausgezogen ist, weil es in ihrer Ehe kriselt, ist eine überbesorgte Mutter und behütet den 8-jährigen Sohn Noah wie ihren Augapfel. Auch Izzy und Pete hatten Embryos eingefroren, aus einem von ihnen ist Noah entstanden.
(mehr …)Sophie Bienvenu – Sam ist weg

Sophie Bienvenu – was für ein schöner Name – hat einen herzberührenden und zugleich optimistischen Roman geschrieben. Es ist einer dieser Romane, die vor allem wegen der Hauptfigur in Erinnerung bleiben. Und damit eine Antwort auf die immer mal wieder gestellte Frage, wie wichtig für einen Roman die sorgfältige Ausarbeitung der Charaktere ist.
Sie erzählt uns die Geschichte von Mathieu, einem jungen Mann auf den Straßen von Montreal, der alles verloren hat im Leben außer seiner geliebten Hündin Sam. Mathieu hat etliche tiefgreifende Erlebnisse hinter sich, die ihn zu einem Leben auf der Straße zwingen. Einzig dank Sam erlebt er Wärme, Zuwendung und Liebe.
Doch eines Tages ist Sam plötzlich verschwunden. Darüber geht Mathieu fast zugrunde. Er beginnt sie zu suchen, taucht ein in Abgründe der Großstadt, lernt aber auch Hilfsbereitschaft und Unterstützung kennen. Während seiner Suche erinnert er sich an seine Kindheit und Jugend, vor allem an seine Mutter. Er begreift, was er besaß, was er verlor und er begreift, was Schicksal ist, unabwendbar, unergründbar.
(mehr …)Rye Curtis – Cloris

Cloris ist der Vorname der einen Protagonistin dieses wirklich erstaunlichen Romandebüts des jungen Texaners Rye Curtis. Cloris Waldrip ist 72 Jahre alt, als sie sich zusammen mit ihrem Mann, den sie stets nur Mr.Waldrip nennt, auf einen Rundflug über die Bitterroot Mountains begibt. Doch das kleine Flugzeug stürzt mitten in der Wildnis ab und nur Cloris überlebt, so gut wie unverletzt. Nur mit ihrer Handtasche, dem Pullover des toten Piloten und einigen Karamellbonbons bricht sie auf, in der Hoffnung auf Rettung.
Die zweite beeindruckende Protagonistin ist Debra Lewis, Rangerin im National Forrest. Als sie von dem Flugzeugabsturz erfährt, glaubt sie als Einzige fest daran, dass Cloris überlebt hat und macht sich auf die Suche nach ihr.
Cloris kommt aufgrund ihres Alters und weil ihr jede Kenntnis von Überlebensstrategien in freier Natur fehlen, nur sehr langsam voran. Doch es scheint, als hielte jemand seine schützende Hand über sie. Irgendwer hilft ihr, Feuer zu entzünden, versorgt sie mit Essbarem und bewahrt sie vor Unfällen. Es dauert lange, bis sich ihr geheimnisvoller Beschützer zu erkennen gibt und sie mit ihm Freundschaft schließen kann.
(mehr …)John Bolton: Der Raum, in dem alles geschah.

Kurze Zeit nach seinem Rücktritt (oder seiner Entlassung?), aber noch vor der Präsidentschaftswahl in den USA erschien John Boltons Buch. John Bolton war 519 Tage lang Nationaler Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten – amtlich „Assistant to the President for National Security Affairs“. In dieser Funktion hatte er engen Kontakt zu Trump und war maßgeblich an Entscheidungen des Präsidenten beteiligt, die weitreichende internationale Bedeutung hatten und noch haben.
Das Buch ist nicht chronologisch aufgebaut, sondern greift in 15 Kapiteln jeweils ein weltpolitisch bedeutsames Thema auf, wie die Annäherung an Nordkorea, die Sanktionen gegen den Iran oder gegen Syrien, die Teilnahme am G7-Gipfel, um nur einige zu nennen.
(mehr …)Petra Hammesfahr – Nach dem Feuer
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Man kennt Petra Hammesfahr als erfolgreiche und erfahrene Autorin spannender Kriminalromane. Dabei nimmt sie sich in der Regel eines besonderen Themas an, welches neben dem vordergründigen Kriminalfall in ihren Büchern eine weitere Hauptrolle spielt. Mit dem vorliegenden Roman allerdings hadere ich.
Der Fall dreht sich um einen verstörten Jugendlichen, der von der Polizei schwer verletzt aus einem brennenden Wohnmobil gerettet wird. Die Kriminalbeamten versuchen sowohl den Halter des Fahrzeugs wie auch Verwandte des Jungen zu finden. Dabei stoßen sie in tiefe menschliche Abgründe vor.
Der Roman wird aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt und auf unterschiedlichen Zeitebenen. Dabei haben mich die Passagen aus der Perspektive des Jungen am meisten fasziniert, denn der Autorin gelingt ein ergreifendes Abbild seiner verletzten Psyche und seiner Wahnvorstellungen. Hier dringt sie ganz tief ein in seine Gedanken und seine Interpretation der Welt um ihn herum.
(mehr …)Jesse Falzoi – Creative Writing / Texte und Bücher schreiben / Der neue Kreativ-Schreiben-Kurs in 16 Lektionen

Es fasziniert mich immer wieder, wie weit voraus die Amerikaner uns sind, wenn es um das Studium des Kreativen Schreibens geht. Nicht nur, dass man dieses Fach in den USA an vielen Orten studieren kann, bei uns hingegen ist es eher ein sehr selten angebotenes Studienfach. Sondern auch, weil die Qualität der Lehre und offensichtlich auch der Lehrenden dort unglaublich hoch ist (oder sein muss). Ein Symptom dafür ist ja ganz sicher die Menge an amerikanischer Literatur, die bei uns auf dem Buchmarkt monatlich erscheint. Und ein weiteres ist das hier vorliegende Buch von Jesse Falzoi. Denn die Autorin dieses Kurses in 16 Lektionen hat in den USA Creative Writing studiert. Und das merkt man beim Lesen ihres Buches auf jeder einzelnen Seite. Ihr Buch hat mich genauso begeistert wie ein weiteres, das auf dem Studium in den USA aufbaut, nämlich „Romane und Kurzgeschichten“ von Alexander Steele, ebenfalls im Autorenhaus Verlag erschienen.
(mehr …)Volker Jarck – Sieben Richtige

Ein interessantes Konstrukt baut Volker Jarck in seinem Debütroman auf. Es ist ja schon oft behauptet worden, dass über gefühlte sieben Ecken jeder mit jedem irgendwie bekannt ist. Darauf baut sich dieser Roman auf.
Angesiedelt zwischen Bochum und Köln, mit Abstechern nach Boston und anderswo, erzählt der Autor von mehreren Personen, die sich, sei es als Nachbarn, als Klassenkameraden, als Berufskollegen oder weil sie das gleiche Hobby haben, im Laufe ihres Lebens begegnen. Und stets ergibt sich, dass der eine die andere kennt, die wieder dem nächsten irgendwann einmal gegenüber stand. Ich fand diesen Hintergrund ausgesprochen spannend, zeigt es doch wieder einmal, dass „die Welt ein Dorf“ ist. Und bei all dem führt der Zufall – manche mögen es Schicksal nennen – die Regie.
(mehr …)Paolo Maurensig – Der Teufel in der Schublade

Ein ganz besonderes Leseerlebnis ist dieser Roman des italienischen, 1943 geborenen Autors. Fast meint man, dieses Buch kann nicht aus diesem, ja selbst nicht aus dem vorigen Jahrhundert stammen, sowohl Schreibstil wie auch Handlung passten viel mehr ins 19. Jahrhundert.
Allein der Aufbau, die Verschachtelung mehrerer Geschichten ineinander, ist ungewöhnlich und erfordert eine gewisse Aufmerksamkeit der Leserin.
Die eigentliche Geschichte erzählt uns ein Vikar, Pater Cornelius, der „strafversetzt“ wird in eine kleine Gemeinde in einem abgelegenen Schweizer Dorf. Hier soll 200 Jahre zuvor Johann Wolfgang von Goethe unfreiwillig eine Nacht zugebracht haben, weswegen der Pater, der den wahren Ort der Handlung nicht preisgeben will, das Dorf Dichtersruh nennt.
(mehr …)Nina George: Die Schönheit der Nacht

Bisher bin ich ein wirklicher Fan der Bücher von Nina George. Ihre im Süden Frankreichs spielenden, warmherzigen Romane haben mich oft berührt und lange nachgehallt.
Mit diesem Roman allerdings komme ich nicht zurecht. Die Handlung, so man das Geschehen so nennen kann, tritt vollkommen zurück hinter den Grübeleien und den philosophischen Betrachtungen der Protagonistin, und zwar in einem Ausmaß, dass es für mich schwer zu ertragen war.
Claire ist eine renommierte Verhaltensbiologin, verheiratet mit Gilles und Mutter von Nicolas. Claire gestattet sich wiederholt One-Day-Stands in einem Hotel, die ihr nichts bedeuten, für sie aber wichtig sind. Ihr Verhältnis zu ihrem Mann ist brüchig und von Zweifeln geprägt, obwohl er ihr mit viel Verständnis begegnet. Eines Tages, Claire hat wieder eine „verbotene Stunde“ in einem Hotel verbracht, trifft sie beim Verlassen des Zimmer ein Zimmermädchen, das sie beobachtet. Am selben Abend stellt ihr Sohn Nicolas genau diese junge Frau als die Frau seines Lebens seinen Eltern vor.
(mehr …)André Hille: Das Rauschen der Nacht

Es ist immer interessant, einen Roman zu lesen, dessen Autor Dozent für Kreatives Schreiben ist. Immerhin kennt er in der Theorie das Handwerkszeug, um spannende und packende Bücher zu schreiben. André Hille ist Gründer und Leiter der Textmanufaktur, eine seit mehr als 10 Jahren existierende, renommierte Schule für Kreatives Schreiben in Frankfurt. „Das Rauschen der Nacht“ ist nun sein Debütroman.
Er erzählt darin von Jonas und Birte und ihren zwei kleinen Kindern Sophie und Jeremias. Die Familie hat auf dem Land vor kurzem ein Haus gebaut und liegt seither im Streit mit mehreren Baufirmen über mangelhaften Putz und andere Mängel. Jonas hat zudem vor nicht allzu langer Zeit eine eigene Firma gegründet. Sein Partner Toni, der bislang reichlich Kapital in die Firma gesteckt hat, verweigert nun weitere Zahlungen und Jonas muss sich nach anderen Geldgebern umsehen, die seine Projekte finanzieren.
(mehr …)Lydia Davis: Es ist, wie’s ist

In dem dünnen Bändchen sind 34 Geschichten der preisgekrönten amerikanischen Autorin versammelt. Darunter Geschichten mit einer Länge von wenigen Zeilen, die dafür mit großer Prägnanz ihre Botschaft vermitteln.
Leider jedoch blieben mir bei der Lektüre die meisten Botschaften in den Texten von Lydia Davis verborgen. Es ist, wie es so oft ist: die von Feuilletons, Kritikern und Jurys renommierter Buchpreise hochgelobten Werke sind für die „normalen“ Leser unergründlich, unverständlich, ja manches Mal gar unlesbar. Ich habe die Erzählungen in diesem Buch gelesen und mich am Ende gefragt, was die Autorin damit sagen will. Dabei schließe ich natürlich gar nicht aus, dass dieses Unverständnis vollkommen an mir liegt. Nur ändert das nichts an der Tatsache, dass mir Stil, Inhalt und Botschaft der Erzählungen fremd blieben.
(mehr …)Ewald Arenz: Alte Sorten

Eigentlich ist die Geschichte, die uns Ewald Arenz in seinem Roman erzählt, schon ein kleines bisschen kitschig. Aber sie ist so wunderschön, so poetisch erzählt, da sind das bisschen Kitsch und Rührseligkeit ganz egal. Und eigentlich sind die Protagonisten dieser Geschichte gar nicht die beiden Frauen, Liss und Sally, sondern die Birnen und Äpfel, die Trauben und die Nüsse, die Hühner, Rehe und die schwere, dunkle, fruchtbare Erde, die Düfte und Gerüche und die Geräusche des Lebens auf dem Land.
Liss, eine schweigsame Frau mittleren Alters, die ganz allein einen Bauernhof betreibt, mit Weinberg, Obstgarten, Hühnerstall und Schnapsbrennerei, ist selbstständig und stark, aber sehr verschlossen, mit wenig bis gar keinem Kontakt zu Nachbarn und Dorfbewohnern, von denen die meisten sie komplett schneiden.
Eines Tages läuft ihr Sally zu, ein junges Mädchen kurz vor dem Abitur, abgehauen aus einer Klinik, aggressiv, mit jedem und allem Feind, verstört und voller Ablehnung besonders Erwachsenen gegenüber. Regeln und Vorschriften sind nicht ihr Ding, Fragen beantwortet sie mit derben Schimpfwörtern, von jedem fühlt sie sich angegriffen.
(mehr …)Colum McCann: Apeirogon

Apeirogon = eine zweidimensionale geometrische Form mit einer gegen unendlich gehenden Zahl von Seiten.
Colum McCann legt hier wirklich ein Meisterwerk vor. Und wie das bei Meisterwerken oft der Fall ist, so liest sich auch dieses Buch nicht einfach. Man muss sich darauf einlassen, sich einlesen und dem Roman Gelegenheit geben, sich zu entfalten. Allein die kaleidoskopische Darbietung der Handlung oder vielmehr der Handlungen ist für sich genommen schon ein Statement.
Der Autor erzählt die wahren Geschichten von zwei Männern, von Rami Elhanan und von Bassam Aramin. Jude der eine, Palästinenser der andere. Beide sind Väter von Töchtern, von verstorbenen Töchtern. Ramis Tochter Smadar starb mit 13 Jahren bei einem Selbstmordanschlag dreier Palästinenser. Bassams Tochter Abir wurde im Alter von 10 Jahren von einem israelischen Grenzpolizisten erschossen. Zwischen den beiden Todesfällen liegen 10 Jahre.
(mehr …)Amelie Fried: Die Spur des Schweigens
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Es ist tatsächlich erstaunlich, wie vielseitig diese Autorin ist. Amelie Fried ist Journalistin und Moderatorin und sehr erfolgreiche Schriftstellerin, sie schreibt Komödien, Familiengeschichten, Kinderbücher und Krimis, von denen etliche verfilmt wurden. Hier legt sie nun einen neuen, spannenden Kriminalroman vor.
Julia, freie Journalistin, schlägt sich mit kleinen Aufträgen durch, darunter immer wieder Artikel für das Magazin „Gesundheit-heute“. In dessen Auftrag recherchiert sie zu Vorwürfen von sexuellen Übergriffen innerhalb eines renommierten deutschen Forschungsinstituts. Sie hat dazu eigentlich keine Lust, da sie dieses Themas überdrüssig ist und ähnliche Vorbehalte hat wie viele Menschen, nach dem Motto, sollen sich die Frauen doch nicht so anstellen. Dabei hadert sie selbst immer wieder mit den reichlich sexistischen Sprüchen des Chefs von „Gesundheit-heute“.
(mehr …)Michael Crummey: Die Unschuldigen
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Dieses Buch ist wie ein heftiger Sturm, der über das Land braust. Und gleichzeitig zart wie ein leichter Windhauch.
Der Kanadier Michael Crummey, der aus Neufundland stammt und auch heute dort lebt, erzählt uns die Geschichte der Geschwister Ada und Evered Best, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit ihren Eltern – und nur mit ihren Eltern – in einer einsamen Bucht in Neufundland leben. Evered ist elf Jahre alt und Ada neun, als erst die Mutter und die neugeborene Schwester Martha sterben und kurz danach auch der Vater.
(mehr …)Frank Goldammer: Zwei fremde Leben

Der Autor erzählt uns eine Geschichte, die, so ist zu befürchten, öfter als man sich vorstellen möchte in der DDR geschah. Frank Goldammer, 1975 in Dresden geboren, ist erfolgreich mit seinen im Nachkriegs-Dresden angesiedelten, historischen Kriminalromanen.
Eine junge Frau, Ricarda, wird kurz vor der Entbindung ins Krankenhaus eingeliefert. Es ist das Jahr 1973, wir befinden uns in Dresden. Während der Geburt, bei der ihr eigener Vater, an der Klinik Leiter der gynäkologischen Abteilung, anwesend ist, gibt es Komplikationen und das Kind kommt tot zur Welt.
(mehr …)Mary Adkins: Wenn du das hier liest

Die Idee, einen Roman in Form eines Mail-Austauschs zu schreiben ist nicht neu. Man denke nur an den wunderbaren Roman von Daniel Glattauer. Und obwohl der Roman von Mary Adkins mit „Gut gegen Nordwind“ von Glattauer nicht vergleichbar ist, hat mir das Buch doch gefallen.
Iris Massey stirbt mit Anfang Dreißig an Krebs. Sie hat in der Zeit vor ihrem Tod einen Blog über das Sterben geschrieben. Ihr Arbeitgeber und Freund Smith Simonyi, der nach wie vor gefühlvolle Mails an Iris schreibt, findet durch Zufall einen Hinweis, dass Iris sich gewünscht hatte, dass er diesen Blog nach ihrem Tod veröffentlicht.
Jade, die ältere Schwester von Iris, leidet fürchterlich unter deren Tod. Sie kompensiert das durch Recherchen, um den behandelnden Ärzten einen Kunstfehler bei der Therapie ihrer Schwester nachweisen zu können. Jade ist Starköchin in einem Sternerestaurant, kündigt jedoch ihre Stelle, weil sie glaubt, sich um ihre Mutter kümmern zu müssen. Jade ist nun strikt gegen eine Veröffentlichung des Blogs ihrer Schwester. Aus ihrem Widerspruch entwickelt sich ein reger Mailaustausch zwischen ihr und Smith.
(mehr …)Sue Monk Kidd: Das Buch Ana

Was für ein faszinierendes Buch! Und was für ein wichtiges Buch. Ich habe schon mehrere Romane dieser Autorin gelesen und war jedesmal begeistert, besonders von „Die Erfindung der Flügel“. Und auch „Das Buch Ana“ ist hervorragend. Wieder geht es um die Stimme der Frau, darum, wie Frauen zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte unterdrückt wurden und wie es ihnen dennoch gelang, sich zu befreien, zu sprechen und gehört zu werden. Dazu kommen bei dieser Autorin jedes Mal wieder die genauen Recherchen, die präzise Beschreibung von Ort und Leben, die gelungene Schaffung des entsprechenden Zeitkolorits, seien es das Jahrhundert der Sklavenhaltung in Amerika in „Die Erfindung der Flügel“ oder wie im vorliegenden Roman die ersten Jahrzehnte nach Christi Geburt.
(mehr …)Odile d’Oultremont: Das Mädchen mit den meerblauen Augen

Was mich bewegt hat, dieses Buch zu lesen, war meine Liebe zur Bretagne. Denn dort spielt die Geschichte, die Odile d’Oultremont, eine belgische Schriftstellerin und Drehbuchautorin, erzählt.
Die Protagonistin Anka wächst in einer kleinen Stadt am Atlantik auf. Ihr Vater ist Küstenfischer und Ankas größter Wunsch von Kindesbeinen an ist es, in seine Fußstapfen zu treten. Bei allem Verständnis ihres Vaters für diesen Wunsch und seiner Freude darüber haben er und seine Kollegen große Vorbehalte gegen ein Mädchen bzw. eine Frau in diesem Beruf. Es dauert sehr lange, bis Ankas Vater, Vladimir, sie zum ersten Mal ans Steuerruder seines Bootes Baikonour lässt.
Doch dann geschieht ein Unglück und Vladimir kehrt von einer Ausfahrt nicht zurück. Nur das Boot wird gefunden. Ankas Liebe zum Meer wandelt sich in Hass, in Hass und Furcht. Im Gegensatz zu ihrer Mutter glaubt sie nicht, dass ihr Vater überlebt hat und zurückkommen wird. Ihre Mutter Edith hingegen ist davon überzeugt, dass ihr Mann eines Tages wieder vor der Tür stehen wird. Bis dahin kocht sie wie eine Besessene Tag für Tag unzählige Liter Gemüsesuppe.
(mehr …)Torsten Körner: In der Männer-Republik – Wie Frauen die Politik eroberten

Der erste Gedanke, der mir in den Sinn kam, als ich das Buch von Torsten Körner in Händen hielt, war: Wieso schreibt ein solches Buch ein Mann? Mein Sohn stellte genau dieselbe Frage, als er das Buch bei mir liegen sah.
Ja, wieso wurde das Buch, das so wichtig und richtig ist, von einem Mann geschrieben? Ich habe keine Ahnung, ob es ähnliche Bücher schon gibt, die von Frauen verfasst wurden, falls ja, kenne ich sie nicht. Im Laufe der Lektüre schwankte ich dann immer wieder hin und her, ob es tatsächlich richtiger, besser wäre, ein solches Thema durch die Feder einer Frau zu be-schreiben. Vermutlich wäre ein „neutrales“ Geschlecht der perfekte Verfasser eines Buches über den Kampf der Frauen gegen die Vorherrrschaft der Männer in der Politik. Da es das aber leider bekanntlich nicht gibt, ist es gut, dass es überhaupt geschrieben wurde, dieses Buch.
Torsten Körner, Journalist und Autor, zeichnet verantwortlich für einige Bestseller-Biographien sowie für die Dokumentarfilme „Angela Merkel – die Unerwartete“ und „Drei Tage im September“, der für den Deutschen Fernsehpreis nominiert war. Man darf also mit Fug und Recht davon ausgehen, dass er sein Handwerk versteht und den Beweis erbringt das vorliegende Buch auf jeder Seite.
(mehr …)Gilly Macmillan: Die Nanny

Jocelyn kehrt nach dem Tod ihres Mannes zusammen mit ihrer 10-jährigen Tochter Ruby nach England zurück, auf den Landsitz ihrer Eltern. Nur ihre Mutter lebt noch dort auf Lake Hall, mit der sich Jocelyn, die lieber Jo genannt wird, ihr ganzes Leben nicht vertrug. Sie fühlte sich immer von ihrer Mutter abgelehnt, liebte ihren inzwischen verstorbenen Vater dafür umso mehr. Jos Bezugsperson war jedoch hauptsächlich ihre Nanny Hannah.
Doch Hannah verschand eines Tages, als Jocelyn etwa sieben Jahre alt war, spurlos und das Kind glaubte zeitlebens, sie sei schuld am Verschwinden der Nanny, da sie sich unartig verhalten hatte am Abend vorher.
Jocelyns Mutter Virginia glaubt zu wissen, dass Hannah tot ist. Als Jo und Ruby eines Tages im See, der zum Landsitz gehört, einen Schädel finden, der eindeutige Spuren eines gewaltsamen Todes trägt, wird Virginia sehr nervös und bekommt Angst vor den Fragen der Polizei.
Aber eines Tages steht Hannah plötzlich quicklebendig vor der Tür. Und es gelingt ihr, erneut Anschluss an die Familie zu finden.
(mehr …)Anja Goerz: Jakobs Schweigen

Ein bekannter Bremer Anwalt wird in seiner Kanzlei erschossen. Mit vier Schüssen niedergestreckt. Eine Zeugin hat einen Jugendlichen vom Tatort weglaufen sehen. So gerät Jakob, der Sohn des Toten, unter Mordverdacht. Es gibt wenige, die nicht daran glauben, dass er der Täter ist. Sogar sein Dad, David, scheint zu zweifeln. Einzig seine Großmutter Dora ist überzeugt, dass Jakob kein Mörder sein kann. Sie beginnt, da die Kriminalpolizei offensichtlich keinem weiteren Verdacht nachgeht, selbst zu ermitteln, nachzuforschen, ob es andere mögliche Täter mit einem Motiv geben könnte. Hilfe bekommt sie von einem alten Freund, Wolfgang, der aus seiner früheren Tätigkeit als Anwalt noch viele nützliche Beziehungen hat.
Martina Aden: Der falsche Friese
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Ein Buch so richtig nach meinem Geschmack für einen heißen Sommernachmittag: witzig, spannend, mit sympathischen und authentischen Figuren und viel ostfriesischem Lokalkolorit. Vor allem die Protagonistin, mit ihrem ausgeprägten Hang zu kalorienreichen Speisen und besonderen Desserts, wächst beim Lesen des Küsten-Krimis von Martina Aden regelrecht ans Herz.
Elli Vogel, die auch schon im ersten Buch der Autorin mit dem Titel „Kluntjemord“ über Leichen stolperte und in Lebensgefahr geriet (leider habe ich diesen ersten Band verpasst), schreibt Bücher, die durch ihre Abenteuer ungeahnte Verkaufserfolge erleben. Um sich aber ihren Lebensunterhalt zu verdienen, akzeptiert sie das Angebot der örtlichen Zeitung, regionale Berühmtheiten zu porträtieren. Gleich ihre erste Recherche führt sie zum Fall des seit vierzig Jahren verschollenen Andreas Kalski. Der damals Anfang Zwanzigjährige war ein Frauenheld und als Sohn einer berühmten und wohlhabenden Künstlerin auch begehrter Junggeselle. Ellis Nachforschungen, die nicht alle, denen sie ihre Fragen stellt, willkommen sind, bringen nicht nur mehrere Verbrechen ans Tageslicht und etliche Verdächtige ins Schwitzen, sondern decken auch das eine oder andere Geheimnis im Leben von Ellis Mutter auf. Diese steht kurz vor ihrer Hochzeit mit Ellis Vater, nach jahrzehntelanger „wilder“ Ehe. Doch die Hochzeit scheint unter keinem guten Stern zu stehen, denn im Vorfeld geschehen allerlei Unfälle.
(mehr …)James N. Frey: Wie man einen verdammt guten Kriminalroman schreibt

Als großer Fan von James N. Frey und seinen Büchern zum Kreativen Schreiben ist es natürlich selbstverständlich, dass auch ich als Nicht-Krimiautorin dieses, von emons neu aufgelegte Buch des bekannten Autors lese. Dabei darf man den Untertitel nicht unterschlagen „Von der Inspiration bis zum fertigen Manuskript: eine schrittweise Anleitung“.
Und genau das ist dieses Buch: eine detaillierte, umfangreiche und für angehende Krimiautor*innen meines Erachtens unverzichtbare Anleitung zum Schreiben eines spannenden und von Anfang bis Ende durchdachten Kriminalromans.
Besonders interessant war für mich eines der ersten Kapitel, in dem der Autor die Gründe nennt, warum Menschen so gerne Krimis lesen. Dabei zitiert er andere Fachleute und Autoren, die z.B. diese Gründe nennen: der Nervenkitzel, die Befriedigung, den Übeltäter bestraft zu sehen, die Identifikation mit dem Helden und schließlich das Gefühl, die Geschichte spiegele die Realität wieder. Insbesondere über letzteres ließe sich sicher streiten, aber das muss jede*r für sich selbst hinterfragen.
(mehr …)Santiago Amigorena: Kein Ort ist fern genug

Einen Roman über die Shoah zu rezensieren, ist eine Gratwanderung. Den Inhalt zu beurteilen, verbietet sich fast und eine Kritik des Stils sollte mit Fingerspitzengefühl erfolgen. Das sind die Gründe, warum mir die Rezension dieses Romans recht schwer fällt.
Santiago Amigorena, 1962 in Argentinien geboren, erzählt in diesem Buch, das in Frankreich für den Prix Goncourt nominiert war, die Geschichte seines eigenen Großvaters. Vicente Rosenberg wandert als junger Mann 1928 von Polen nach Argentinien aus. Er baut sich dort eine Existenz auf und gründet eine Familie. Mit Rosita, die ebenfalls von Einwanderern abstammt, hat er drei Kinder.
Mutter und Geschwister von Vicente leben nach wie vor in Warschau und Anfang der vierziger Jahre heißt das, sie leben im Ghetto. Nur sehr selten erhält Vicente Nachricht, treffen Briefe seiner Mutter ein. Ansonsten erfahren er und seine Freunde Neuigkeiten aus der alten Heimat vor allem aus Zeitungen, die jedoch meist auch mehrere Wochen oder Monate alt sind, wenn sie in Buenos Aires eintreffen.
(mehr …)Thorsten Steffens: Klugscheißer Deluxe

Ein klarer Fall von (vermutlich nicht beabsichtiger) Irreführung durch Klappentext. Der Hinweis nämlich: „Für alle Fans von Tommy Jaud und Fuck ju Göhte“ hat mich erstmal abgeschreckt, da ich weder von dem einen noch von dem anderen ein Fan bin. Aber es stellte sich heraus, dass es keinen Grund gibt, vor dem Roman von Thorsten Steffens zurückzuschrecken.
Das Buch ist die Fortsetzung von seinem Roman „Klugscheißer Royal“, den ich nicht gelesen habe. Aber auch ohne diese Vorkenntnisse kann man den zweiten Band durchaus problemlos verstehen.
Protagonist Timo Seidel ist ein 29jähriger Studienabbrecher mit schlechtem Gewissen und guten Vorsätzen. Er hat, aufgrund der wohl im ersten Buch beschriebenen Vorkommnisse, lernen müssen, dass er als Klugscheißer, der er ist, bei vielen Menschen aneckt und sich meist unbeliebt macht. Also hat er beschlossen, an sich zu arbeiten und bemüht sich redlich, seine Klugscheißereien für sich zu behalten. Das gelingt ihm natürlich nicht immer, wobei man wirklich Verständnis für ihn hat, wenn er den sprachlichen und grammatikalischen Defiziten seiner morgendlichen Mitreisenden ausgesetzt ist. Hier trifft der Humor des Autors wirklich ins Schwarze, man erlebt die Situation hautnah mit und leidet mit Timo unter den Verunstaltungen der deutschen Sprache.
(mehr …)Guillermo Martinez: Der Fall Alice im Wunderland
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Das zweite Buch des Autors um die Oxforder Mathematiker hat mir sogar noch besser gefallen als der erste Band, der den Titel „Die Oxford-Morde“ trug und den ich vor wenigen Wochen rezensiert habe.
Diesen ersten Band, der im Eichborn-Verlag 2006 unter einem anderen Titel schon einmal veröffentlicht worden war, brachte der Verlag jetzt zeitgleich mit dem zweiten Band noch einmal heraus. Zwischen den spanischen Originalfassungen liegen dagegen 16 Jahre.
Wieder begegnen wir, jetzt im Jahr 1994, dem argentinischen Austausch-Doktoranden, dessen Name, wie schon im ersten Buch, nie genannt wird. Immer wird darauf verwiesen, er sei für englische Zungen zu schwer auszusprechen, allenfalls wird er mit G. abgekürzt. Soll uns das darauf hinweisen, dass der Autor selbst der Erzähler ist…?
(mehr …)