
Ex-Nonne auf der Suche nach der verschwundenen Freundin – nicht gänzlich überzeugender Krimi
Ich liebe normalerweise die Romane von Jess Kidd, die mystische, fantastische Geschichten erzählen voller geheimnisumwobener Figuren. Doch dieses neue Buch ist anders, es fehlen genau diese Mystik, die Fantasie und auch leider ein bisschen die Spannung.
Nora Breen, die 30 Jahre lang als Nonne in einem Kloster lebte, hat ihren Schleier abgelegt, weil sie sich auf die Suche begeben will nach einer verschwundenen Freundin. Frieda war Novizin im Kloster, das sie aber dann hinter sich ließ. Sie korrespondierte danach regelmäßig mit Nora, doch plötzlich kamen keine Briefe mehr.
Die Spur führt Nora in ein heruntergekommenes Seebad und dort in die Pension Möwennest, in der Frieda zuletzt wohnte. Dort leben momentan nur wenige Gäste, ein Ehepaar, ein alter Puppenspieler, ein Mitarbeiter des örtlichen Vergnügungsparks. Geführt wird die Pension von Helen mit Unterstützung ihrer Köchin und Haushälterin Irene. Und schließlich lebt dort noch Helens kleine Tochter Dinah, die nicht spricht, sich ständig irgendwo versteckt und viel Schabernack ausheckt.
Doch von Frieda zuerst keine Spur. Dafür gibt es kurz darauf einen Toten und später noch einen zweiten. Der örtliche Inspector scheint unwillig, zu ermitteln, behauptet, es handele sich um Suizid und/oder Unfall. Doch Nora glaubt das nicht und ist weiter bestrebt, herauszufinden, was geschah. Und was mit Frieda geschah.
Das ist mehr oder weniger die Handlung und viel mehr geschieht auch nicht. Immer mal wieder folgt man Nora in ihren Erinnerungen, die erläutern, warum sie als Jugendliche ins Kloster ging (hier wird ein ziemliches Klischee bedient, da hätte man in der Tat ein bisschen mehr Fantasie einbringen können).
Es werden viele Gespräche geführt, deren Inhalt manchmal etwas mysteriös wirkt und wenig zum Fortgang der Handlung beiträgt. Jess Kidds Wortgewalt ist die gleiche wie in ihren wunderbaren anderen Romanen, ihre Beschreibungen der Gegend, des Hotels und der Stimmung dort sind eindrücklich und wortreich, manchmal dann allerdings ein bisschen zu wortreich und langatmig.
Die Motivation von Nora, aus dem Kloster auszutreten um Frieda zu suchen, ist nicht wirklich schlüssig. Sie jedoch, wie auf der Titelseite als gescheiterte Nonne zu bezeichnen, ist hier ziemlich unpassend.
Jedoch ist Nora die blasseste aller Figuren. Die Haushälterin Irene oder das Kind sind dagegen sehr plastisch und eindrücklich beschrieben, wie auch die anderen Pensionsbewohner mit mehr Fantasie, mehr Tiefgang geschildert werden.
Wer Täter oder Täterin der Morde war, ahnt man recht früh, sind doch die verdächtigen Spuren ein bisschen überdeutlich gelegt. Dennoch macht die Lektüre ausreichend Spaß, auch wenn der Roman keineswegs an die bisherigen Bücher von Jess Kidd heranreicht. Bleibt die Hoffnung, dass bald wieder ein solcher neuer Roman von ihr erscheinen wird.
Jess Kidd – Mord in der Pension Möwennest
Originaltitel: Murder at Gulls Nest
aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
DuMont, April 2026
Klappenbroschur, 383 Seiten, 18,00 €
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