Robert Krause – 3 ½ Stunden

Allein der Titel suggeriert bereits die Spannung, die man, wie bekanntlich am perfektesten von Hitchcock angewandt, durch eine zeitliche Begrenzung des Geschehens erreichen kann. Die Handelnden haben nur dreieinhalb Stunden Zeit, eine nahezu lebenswichtige Entscheidung zu treffen. Nur leider verschenkt der Roman diese Möglichkeit zur Gänze.

Robert Krause ist Drehbuchautor und hat das Drehbuch zum Film gleichen Titels geschrieben. Und daraus dann auch diesen Roman gemacht. Der Film lief im Fernsehen, passend zum Inhalt, zeitnah zum 13. August, dem Jahrestag des Mauerbaus in Berlin. Denn an diesem Tag, dem 13. August 1961, spielt die Handlung von Film und Buch.

Nun habe ich mir absichtlich den Film nicht angesehen, solange ich den Roman nicht gelesen hatte, um mir die Spannung nicht zu verderben. Doch, siehe oben, es gab keine Spannung im Roman. Und auch nicht im inzwischen von mir gesehenen Film.

Die Handlung trägt sich zu in einem D-Zug auf dem Weg von München nach Ostberlin, eben an besagtem Tag. An Bord des Zugs befinden sich neben einigen Westdeutschen vor allem Ostdeutsche, die zurückkehren wollen nach Berlin. Als nun im Zug erste Gerüchte auftauchen und dann im Radio die Bestätigung kommt, dass zum Zeitpunkt ihrer Reise in Berlin die Mauer gebaut wird, müssen sich all die Ostdeutschen im Zug entscheiden: Kehren sie zurück, lassen sie sich einsperren? Oder steigen sie an einer der letzten Stationen vor der Grenze aus, bleiben in Westdeutschland, kehren ihrer Heimat und möglicherweise ihrer Familie den Rücken?

Zu den Reisenden, deren Geschichte im Roman näher beleuchtet wird, gehört die vierköpfige Familie von Gerd und Marlies. Sie wusste vorher vom Mauerbau, da ihr Vater in entsprechenden Behörden arbeitet. Ahnend, dass ihr Mann mit diesem Wissen in München hätte bleiben wollen, hat sie ihm nichts davon erzählt. Doch nun erfährt er es im Zug und die Eheleute müssen sich entscheiden. Marlies ist vom DDR-Regime überzeugt, hält das Leben in der BRD nicht für erstrebenswert, Gerd hingegen träumt von der Arbeit als Flugzeugingenieur im Westen.

Im Zug sind außerdem die vier Mitglieder einer Band, ein Paar kurz vor der Hochzeit und zwei Münchener Kommissare auf der Suche nach irgendetwas. Und schließlich noch ein altes Ehepaar auf der Rückreise, im Gepäck die Urne mit dem Bruder der Frau. Außerhalb des Zugs lernen wir noch die Lokführerin Edith und Marlis‘ Vater kennen und erfahren ihre Geschichten.

Durch die sehr kurzen Szenen, die stakkatoartig aneinandergereiht sind, durch die ständig wechselnden Figuren und Schauplätze, gelingt es nicht, richtig in die Story hineinzukommen. Man bekommt keinen Zugang zu den Figuren, die fremd, steif und leblos bleiben. Vieles erschließt sich nicht, so beispielsweise die Tätigkeit der beiden Polizisten, die weder Spannung erzeugen noch etwas mit dem eigentlichen Plot zu tun haben. Die Dialoge sind unnatürlich, ebenso steif und blutleer wie die Figuren. Alles wirkt überfrachtet, künstlich und es erzeugt keinerlei Empathie bei der Leserin.

Das Ende, also die Entscheidungen, die die Passagiere schließlich treffen, sind vorhersehbar, bei jedem und jeder einzelnen ahnt man es im Voraus.

Hinzu kommt ein fast dilettantischer, anspruchsloser Schreibstil, ständig schnürt es jemandem die Kehle zu, muss jemand schmunzeln, rasen wahlweise Herz oder Gedanken. Hier hätte ich mir mehr Einsatz des Lektorats gewünscht.

Es ist sehr schade, dass so viel Potenzial eines Plots verschenkt wurde, die Geschichte hätte hochspannend, psychologisch mitreißend und emotional erschütternd sein können.

Robert Krause – 3 ½ Stunden
rororo, August 2021
Taschenbuch, 349 Seiten, 12,00 €

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