Natascha Keferböck – Bierbrauerblues

Kennst du solche Bücher, die du unbedingt ganz schnell zu Ende lesen willst, weil du die Auflösung wissen möchtest? Und wenn du dann das Ende erreicht hat, bist du traurig, weil du nun die Figuren verlassen musst, die dich so gut unterhalten haben. Genau solch ein Buch ist der Krimi aus dem Salzburger Land von Natascha Keferböck. Sie erzählt uns von den Vorgängen im Dorf Koppenrieth, ein Ort, in dem jeder jeden kennt und jeder alles über jeden weiß oder zumindest zu wissen glaubt. Marie Steinhauser, eine bildhübsche und blitzgescheite junge Frau, heiratet zur Überraschung der gesamten Dorfbevölkerung den widerlichen, allseits unbeliebten und sehr unansehnlichen Brauer Max Riegler.

Die Hochzeitsnacht allerdings verbringt Marie mit dem Dorfsheriff Raphi Aigner, und zwar zur Erbauung der Dorfjugend im Schaufenster des örtlichen Möbelhauses, im Boxspringbett E711. Besagter Polizist, verwitwet und Vater eines aufgeweckten Sechsjährigen, ist auch der Ich-Erzähler der Geschichte, die eine besondere Wendung erfährt, als Maries Frisch-Angetrauter kurz nach der Hochzeit tot in seinem eigenen Braubecken gefunden wird.

Die Verdächtigen sind ebenso zahlreich wie die Motive. Doch mit der Zeit fokussiert sich der Verdacht der aus Salzburg angereisten Ermittler immer mehr auf Marie. Diese Tatsache macht besonders dem Aigner zu schaffen, der sich über seine Gefühle für sie nicht im Klaren ist.

Natürlich erinnert der Protagonist, Inspektionskommandant Raphael Aigner, stark an den Franz Eberhofer der Romane von Rita Falk. Aber das macht nichts, denn er hat trotzdem seinen eigenen Charme, seine besonderen Eigenheiten. Der Autorin gelingen herrliche spritzige Dialoge, die klingen wie aus dem wahren Leben genommen. Fast meint man, die skurrilen Figuren zu hören, hat sie doch den ortsüblichen Dialekt geschickt und in passendem Maße eingesetzt, ohne dabei den Bogen zu überspannen. Man liest sich selbst als Nicht-Österreicherin schnell ein, das am Ende des Romans angehängt Glossar brauchte ich zumindest nicht. Zwar geht mit Natascha Keferböck vielleicht manchmal die Begeisterung durch und vor lauter Dialog gerät die Handlung etwas ins Hintertreffen, aber es schadet eben nicht, weil man so wunderbar und witzig unterhalten wird.

Die Handlung ist perfekt kriminalistisch aufgebaut, die Leserin kann herrlich gemeinsam mit den Kommissaren ermitteln, gerät wie diese immer wieder auf falsche Fährten und ist am Ende vom wahren Täter völlig überrascht. Dabei lebt der Roman vor allem von dem wirklich gelungenen Figurenkabinett, in dem alle in solchen Dörfern vorhandenen Ur-Typen auftauchen, aber ohne in Klischees zu verfallen. Jede Person hat ihren eigenen Charakter, ihre Geschichte und wirkt trotz der literarischen Überspitzung absolut glaubhaft und authentisch. Und deswegen ist es so schade, wenn man das Ende des Romans erreicht hat. Ich hätte all diese Leute gerne noch ein weiteres Stück Weg begleitet und hoffe nun, dass die Autorin vielleicht schon an einem weiteren Fall in Koppenrieth schreibt.

Wenn mich denn etwas gestört hat – aber das ist meckern auf sehr hohem Niveau – dann dieses unsägliche männliche Verhalten. Alle Männer im Roman, ohne Ausnahme und jeden Alters, sind penetrant triebgesteuert, jeder betatscht jede Frau, die nicht schnell genug das Weite sucht und jeder Mann glotzt den ihn umgebenden Frauen ständig in den Ausschnitt. Das war mir ein wenig zu viel, passt andererseits aber doch auch wieder zum Gesamtkolorit des Romans.

Ein Gedanke ging mir beim Lesen dieses humorigen Kriminalromans immer wieder im Kopf herum: woran liegt es, dass solch lustige Krimis so enorm beliebt sind? Ist das nicht eigentlich paradox, ein Widerspruch, lachen über Mord und Totschlag? Aber egal, diesen Roman kann man nur empfehlen.

Natascha Keferböck – Bierbrauerblues
emons, September 2020
Taschenbuch, 288 Seiten, 13,00 €

2 Kommentare zu „Natascha Keferböck – Bierbrauerblues

  1. Liebe Rena,

    vielen, vielen herzlichen Dank für diese schöne Rezension. Ich habe es unglaublich genossen, sie zu lesen (auch das „Meckern auf hohem Niveau“ :-).
    Es freut mich wirklich sehr, dass dir mein Krimi nicht nur Spannung, sondern vor allem meine Dorfbewohner auch vergnügliche Stunden bereiten konnte. Denn genau deswegen schreibe ich, weil ich meine Leser*innen unterhalten und ihnen eine möglichst angenehme Auszeit vom Alltag bereiten will.

    Darüberhinaus ist dein Gedanke mit dem Paradoxon ein wirklich spannender: Ich habe mich das selbst beim Schreiben schon gefragt. Warum schreibe ich eigentlich einen Krimi, wenn mir doch eher die humorvollen Geschichten liegen?
    Für mich als Autorin könnte ich es in etwa so beantworten: Würde ich einfach eine Geschichte nur über die Koppelrieder Dorfbewohner schreiben, könnte ich Gefahr laufen, die größeren und kleineren menschlichen Dramen, die sich dort abspielen, plötzlich selbst viel zu ernst zu nehmen. Der „Mord“ und die Auflösung in einer überschaubaren Anzahl von Tagen gibt mir selbst den roten Faden, mich nicht zu sehr in den einzelnen Lebensgeschichten meiner vielen Dorfbewohner zu verlieren. Und Bewohner müssen es viele sein, weil sonst ist es kein Dorf.
    Mit meiner Geschichte will ich auch nur einen Ausschnitt aus den so unterschiedlichen Leben wiedergeben, damit der Phantasie möglichst viel Raum bleibt.
    Aber zurück zum Paradoxon:
    Vielleicht liegt das Geheimnis von humorvollen Krimis auch darin, dass wir uns seit Menschengedenken am liebsten von möglichst aufregenden Geschichten mitreißen lassen. Aber wir wollen uns dabei nicht unbedingt immer nur „grausen“ (ich zumindest :-). Ich beispielsweise atme zwischendurch gern mal auf und mag es zu schmunzeln und zu glauben, dass ich den ein oder anderen schrulligen Typen eigentlich tatsächlich kenne. Das macht es dann insgesamt menschlicher, trotz Mord und Totschlag.

    Ganz herzliche Grüße aus Wien,
    Natascha

    PS: Das „unsägliche männliche Verhalten“ haben schon ein paar meiner Leserinnen erwähnt. Damit will ich die „Dorf- und Wirtshausatmosphäre“ überspitzt wiedergeben, da ich im echten Leben schon zahlreiche Exemplare dieser und ähnlicher Gattungen in den kleinen Dörfern meiner Heimat beobachten konnte. Aber ich hoffe, meine weiblichen Protagonistinnen lassen sich sowieso nicht darauf reduzieren. Denn für mich sind sie die eigentlichen Heldinnen meiner Geschichte.
    Und ich gelobe: einige der Herren werden sich in der nächsten Geschichte, die im Herbst 2021 erscheint, bessern – oder es zumindest versuchen 😉

  2. Liebe Renate,
    beim Lesen deiner Rezension, die wirklich Lust darauf macht, dieses Buch zu lesen, kam mir schon der Gedanke, dass die Autorin das triebhafte Gebahren des öfteren beobachtet hat und es überspitzt darstellen möchte. Ein Autor hätte das bestimmt nicht so massiv rübergebracht.
    Der Gedanke bestätigte sich dann mit der ausführlichen Antort der Autorin auf deine Rezension.
    LG Anneliese

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