Antonia Michaelis: Mr. Widows Katzenverleih

Man nehme eine Prise Mystik, eine gute Portion Romantik, eine große Dosis Spannung und eine ganze Anzahl skurriler Katzen. Und man erhält einen liebens- und lesenswerten Roman von Antonia Michaelis.

Der alte Mr. Widow lebt in einer großen deutschen Stadt in einem kleinen Häuschen, das zwischen vielen hohen, glasverblendeten Gebäuden in einem winzigen Garten steht. Mit ihm in seinem Haus leben – aus eigenem Entschluss – gut vierzig Katzen, junge und alte, gesunde und behinderte, stolze, verfressene und verschmuste Katzen in allen Farben und Schattierungen und vor allem: jede mit einem sehr eigenen Charakter.

Archibald Widow betreibt einen Katzenverleih, das bedeutet, dass er jedem, dem bei der Bewältigung ganz spezieller Probleme eine Katze oder ein Kater helfen könnte, ein besonders geeignetes Exemplar verleiht. Allerdings entscheidet im jeweiligen Fall ausschließlich die Katze, der „Patient“ darf sie sich nicht selbst aussuchen.

Eines Tages folgt Mr. Widow in einer stürmischen Regennacht dem Wimmern von Katzen und findet einen Wurf Kätzchen in einer großen Mülltonne. Darin sitzt aber auch, frierend und ängstlich, eine junge schwangere Frau. Nancy Müller, wie sie sich nennt, hat ein großes Interesse daran, dass Mr. Widow ihre Vergangenheit und ihren wahren Namen nicht erfährt. Und auch niemand anderer. Nancy ist auf der Flucht und daher mehr als dankbar, als Mr. Widow ihr eine Stelle als seine Haushaltshilfe und Assistentin anbietet.

Von nun an liefert Nancy die Katzen zu den Kunden, führt den Haushalt und leidet unter ihren Albträumen. Aber sind es tatsächlich nur Träume? Oder wird sie nicht vielleicht doch verfolgt? Und wer ist die blonde junge Frau im Baum vor ihrem Fenster? Wer folgt ihr auf ihren Fahrten in einem silbernen Mercedes? Und kann sie dem jungen Künstler, der nichts als fliegende blaue Nilpferde malt, vertrauen? Was bezweckt Hannah, Mr. Widows Enkelin, warum spioniert sie Nancy hinterher?

All das wird so herrlich verrückt und so wunderbar leicht erzählt, dass man dieses Buch erst wieder aus der Hand legt, wenn man die letzte Seite gelesen hat. Die Figuren, allen voran die absonderliche Kundschaft des Katzenverleihs, sind so liebevoll und detailliert gezeichnet, dass die Leserin jede einzelne, allen voran natürlich Nancy und Mr. Widow, ins Herz schließt.

Da ist zum Beispiel Hauke, der Junge, der unbedingt ein Wettangeln gewinnen möchte und eine Katze braucht, die bei seinem Widersacher eine Allergie auslösen soll, damit der nicht am Turnier teilnehmen kann. Da ist der Schriftsteller, der eine Katze für die Inspiration braucht, die Buch-Bloggerin, die eine Katze für die Authentizität für nötig hält, der General, der ein Katzenfell gegen seine Rückenschmerzen benötigt, der Araber, der mit Hilfe einer Katze nicht nur seine Allergie, sondern auch seine Angst vor den Menschen in den Griff bekommen will. Da ist das schüchterne Liebespaar, das sich eine Katze als Liebesboten teilt oder das kleine Mädchen, das nicht spricht, aber mehrmals die Woche zwischen Vater und Mutter hin und her ziehen muss und dem Katzen auf ärztliches Rezept verordnet werden.

Und nicht zuletzt ist da der junge Künstler, der sich acht Katzen ausleiht, weil seine katzenliebende Mutter zu Besuch kommt, und der von diesen Katzen permanent auf Trab gehalten wird.

Überhaupt, diese Katzen. Wie die Autorin die Katzen, ihr abstruses Verhalten und ihre außergewöhnlichen Lieblingsliegeplätze, ihr interessantes Äußeres und ihre verwunderliche Kommunikation beschreibt, all das macht dieses Buch zu einem ganz besonderen Vergnügen.

Und natürlich tragen all diese Katzen die passenden Namen. Angefangen mit der majestätisch stolzen Königin von Saba über Kuh, die schwarz-weiße Katze, die die Milchpackung umarmt. Dann gibt es die Katze Pelzmütze, die entweder in der Hutablage schläft oder bei dem jeweiligen Kunden auf dem Kopf sitzt. Da schnurrt die Kaffeekatze bei Nancy jede Nacht im Bett, da schläft Hamlet im Bücherregal nur auf den Shakespeare-Bänden, da begleitet die gelbe Katze Banane Nancy auf gefährlichen Wegen und da fressen die Katzen Fritteuse und Friseuse dem Maler seine Mahlzeiten weg.

Aber, soviel Ausgleich muss sein, auch ein Hund darf in diesem Roman eine Rolle spielen, Misty, der große Graue.

Das Buch von Antonia Michaelis, ein Roman um Liebe, Freundschaft und Vertrauen, ist ein poetisch-spannend-mystisch-romantisches Lesevergnügen, nicht nur, aber natürlich vor allem für Katzenliebhaber.

Antonia Michaelis: Mr. Widows Katzenverleih
Knaur, Januar 2020
Taschenbuch, 444 Seiten, 9,99 €

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