Ich habe mir nie vorgenommen, zu schreiben. Ich habe damit angefangen, als ich mir nicht anders zu helfen wusste.
Herta Müller

Viel hilft viel?

Blog, 16. Juli 2020

Ich erinnere mich an eine Episode aus unserer Familiengeschichte, lang ist’s her. Mein Neffe, damals vier oder fünf Jahre alt, erwachte nach einer Familienfeier recht zeitig am nächsten Morgen. Deswegen wurde er von den Altvorderen besorgt gefragt, ob er denn gut geschlafen habe und ob der Schlaf nicht ein wenig kurz gewesen sei. Daraufhin der Knirps – O-Ton: „Qualität entspricht nicht immer der Quantität“. Das darauffolgende verdatterte Schweigen der Erwachsenen kannst du dir bestimmt vorstellen.

Warum erzähle ich das? Weil mich diese Frage immer mal wieder umtreibt: Sind Qualität und Quantität ein Widerspruch? Schließt das eine das andere aus? Sind Autoren, die quasi im Minutentakt neue Kurzgeschichten oder gar Romane raushauen, die zu jedem Thema etwas zu erzählen haben und deren Texte vielleicht auch noch jedes Mal das Zeichenlimit ausreizen, sind diese Schriftsteller automatisch die schlechteren Schreiber? Und sind solche Autoren wie zum Beispiel Donna Tartt, die nur etwa alle zehn Jahre ein neues (zugegeben meistens echt gutes) Buch veröffentlicht, dann im Umkehrschluss grundsätzlich die besseren Schriftsteller?

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Nina Wähä: Vaters Wort und Mutters Liebe

Rezension, 13. Juli 2020

Einen Roman über eine Familie mit 14 Kindern zu schreiben, ist für die Autorin eine Herausforderung. Aber auch für die Leserin. Insbesondere wenn die Autorin, wie im vorliegenden Fall, fast alle diese Kinder und ihre eigenen Geschichten ausführlich vorstellt. Dann kann das zu einigen Längen im Roman führen, auch wenn natürlich die Beleuchtung der Lebensläufe der Figuren viel zum Verständnis ihres späteren Handelns beiträgt. Von daher passt es, dass die Autorin selbst in einer Art Prolog warnt: „Vielleicht wirst du beim Lesen hin und wieder innehalten und denken: Was soll denn das jetzt? Aber hab Geduld. Reich mir die Hand, und ich werde dich durch dunkle Zeiten führen und durch helle.“ (S. 5) Nina Wähä erzählt die Geschichte der Familie Toimi, die im Norden Finnlands auf einem Bauernhof lebt, Vater Pentti, Mutter Siri und ihre 12 noch lebenden und die zwei früh verstorbenen Kinder. Das Geschehen spielt Anfang der Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts, blickt aber auch zurück auf die Jahre vor und während des Zweiten Weltkriegs.

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Ann Patchett: Das Holländerhaus

Rezension, 8. Juli 2020

„Es war einzig und allein die Geschichte meiner Schwester, die ich erzählen wollte, … „ (S. 384) sagt der Ich-Erzähler gegen Ende des Buchs. Und sie ist wunderbar erzählt, diese Geschichte, die auch die Geschichte eines Hauses und einer ganzen Familie ist.

Ann Patchett ist eine mit vielen Preisen ausgezeichnete amerikanische Autorin, die mit dem 2019 in den USA erschienenen Roman ein neues hochgelobtes Buch vorlegte. Die Übersetzung übernahm Ulrike Thiesmeyer.

Die nicht unbedingt chronologisch erzählte Geschichte der Familie Conroy, berichtet aus der Perspektive des Sohnes Danny, fesselt von der ersten bis zur letzten Seite. Wie ein roter Faden zieht sich durch den Roman die stete Rückkehr der Kinder der Familie, Danny und seine sieben Jahre ältere Schwester Maeve, an den Ort ihrer Kindheit, eben das titelgebende Holländerhaus. Sie gehen nicht hinein, sondern bleiben stets am Straßenrand vor dem Haus im Auto sitzen, unterhalten sich, blicken zurück, analysieren dabei offen und schonungslos ihr eigenes Verhalten und rauchen unzählige Zigaretten.

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Guillermo Martínez: Die Oxford-Morde

Rezension, 5. Juli 2020

Um diesen Kriminalroman genießen und verstehen zu können, scheint es ratsam, vorher ein Mathematikstudium abzuschließen. Wer nämlich bislang glaubte, Fälle in Kriminalromanen mit einfacher Logik lösen zu können, wird hier eines Besseren belehrt.

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Sie hat’s schon wieder getan

Blog, 2. Juli 2020 ~ 1 Kommentar

Weil geteilte Freude ja bekanntlich doppelte Freude ist, möchte ich dich heute an meiner Freude teilhaben lassen:

Frisch aus der Druckerpresse liegt sie jetzt vor: die Anthologie „Glühende Herzen, Schockstarre und verlassene Limousinen“ vom Schreiblust Verlag. Und darin – Trommelwirbel – eine Kurzgeschichte aus meiner Feder.

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Vom Standpunkt des Betrachters

Blog, 17. Juni 2020

Gerade las ich einen hochspannenden Roman – Rezension folgt in Kürze – geschrieben aus der Perspektive eines Ich-Erzählers. Dadurch ist die Leserin sehr nah an, ja quasi in dem Protagonisten, sieht was er sieht, fühlt was er fühlt. Der Autor erreicht damit meiner Meinung nach die höchstmögliche Empathie bei seinen Leser*innen. Allein diese Form der Erzählweise hat ein großes Manko: Die Handlung kann nur aus der Sicht einer Person erzählt werden, d.h. nur das, was der Ich-Erzähler selbst erlebt oder ggf. berichtet bekommt, kann in dem Roman geschildert werden. Und genau das war das Problem in dem oben erwähnten Buch, das ich gerade verschlungen habe: es gab drei Protagonisten, die logischerweise nicht ständig zusammen waren und somit erlebte jede*r eigene „Abenteuer“. Diese wurden detailliert und wie gesagt hochspannend erzählt, ohne dass der Ich-Erzähler dabei gewesen wäre. Die Leserin muss sich also quasi dazu denken, dass die beiden anderen Protagonisten dem „Ich“ von ihren Erlebnissen berichtet hatten und er sie nun also nacherzählt.

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Ulrike Wolff: Die Dame vom Versandhandel

Rezension, 15. Juni 2020

Im Grunde führen Titel und Klappentext dieses Romans etwas in die Irre. Denn weniger als die Story über eines der ersten deutschen Versandhäuser steht die sehr verwickelte und ziemlich abenteuerliche Familiengeschichte der Protagonisten im Vordergrund der Handlung.

Ende der Fünfziger Jahre bauen Kurt Laube und seine um einiges jüngere Ehefrau Annie in Fulda das Versandhaus unter dem Namen Eulendorf auf. Annie erwartet ihr erstes Kind und findet sich nur schwer damit ab, dass sie erst wegen der Schwangerschaft und danach, um die kleine Tochter zu betreuen, ans Haus gebunden ist. Sie engagiert sich sehr für die Firma ihres Mannes, bringt viele frische Ideen hinein und agiert dadurch für eine Frau der damaligen Zeit durchaus ungewöhnlich. Durch ihre Mutterrolle fühlt sie sich nun von dem Geschehen in der Firma abgeschnitten.

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Ragnar Jónasson: Dunkel

Rezension, 12. Juni 2020

Eine ungewohnte Heldin in einem nicht ungewöhnlichen Krimi mit einem absolut außergewöhnlichen Ende.

Hulda Hermannsdóttir steht kurz vor ihrer Pensionierung bei der Kriminalpolizei Reykjavik. Sie hadert sehr damit, denn sie weiß mit sich außerhalb ihrer Arbeit wenig anzufangen. Andererseits fühlt sie sich unter ihren Kollegen auch nicht wirklich wohl, sie wird gemobbt, bei Beförderungen übergangen und die Lorbeeren ernten andere. Hulda ist verwitwet und lebt in einer Wohnung in der Stadt, obwohl sie die Natur liebt.

Sie hat gerade einen Fall von Fahrerflucht aufgeklärt, als ihr Vorgesetzter ihr mitteilt, dass sie früher als geplant in den Ruhestand gehen soll, ja , dass ihr Nachfolger bereits bestimmt ist und binnen einiger Tage ihren Schreibtisch übernehmen soll. Nach dem ersten Schock fordert Hulda, wenigstens noch einen alten, ungelösten Fall bearbeiten zu dürfen und bekommt dafür Zeit bewilligt.

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James Gould-Bourn: Pandatage

Rezension, 6. Juni 2020

Wenn tatsächlich zutrifft, was der Klappentext sagt, dass nämlich der Roman „Pandatage“ das Debüt dieses Autors ist und im Rahmen eines Kurses für Kreatives Schreiben entstand – dann hätte ich gerne die Kontaktdaten des Kursleiters. Hut ab, dieser Roman ist schon wunderbar, hier passt alles, nichts ist zu viel, nichts fehlt.

Danny lebt mit seinem 11-jährigen Sohn Will allein in einer Mietswohnung, seit seine Frau bei einem Autounfall ums Leben kam. Die beiden haben schon ohnehin Kommunikationsprobleme, die aber noch dadurch intensiviert werden, dass Will seit dem Tod seiner Mutter nicht mehr spricht. Er saß mit in dem Auto, als der Unfall geschah und sagt seither kein einziges Wort. Danny leidet daher nicht nur unsäglich unter dem Verlust seiner über alles geliebten Frau, sondern auch, weil er Wills Leid mitansehen muss.

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Loslassen, wenn es Zeit ist

Blog, 4. Juni 2020

Wer erwachsene Kinder hat, kennt das Gefühl des Loslassen-Müssens. Wenn man als Mutter doch eigentlich denkt, sie sind noch nicht so weit, auf eigenen Füßen allein in die Welt hinauszugehen.

Und genauso fühlt es sich für mich jedes Mal an, wenn ich eine Geschichte „in die Welt hinaus“ lasse. Immer denke ich, sie ist noch nicht so weit, denn es gibt bestimmt immer noch irgendwo eine Stelle, die nicht perfekt ist, einen Tippfehler, einen langweiligen Dialog oder ein überflüssiges Adjektiv. Mit anderen Worte: sie muss nochmal und nochmal überarbeitet werden.

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