Der Hut

Kurzgeschichte, erschienen in >6. Bubenreuther Literaturwettbewerb 2020<

Der Hut schwimmt auf dem Wasser, vom böigen Wind getrieben. Ein schwarzer Schlapphut, nennt man den nicht Borsalino?

Es sieht aus, als liefe jemand mit einem Hut auf dem Kopf unter der Wasseroberfläche. Vielleicht ist es so. Nicht, dass da jemand unter Wasser läuft, natürlich. Aber dass da mal jemand unter dem Hut war, der jetzt nicht mehr da ist.

Da ist jemand ertrunken. Der Hutträger liegt ertrunken auf dem Grund des Sees. Ganz sicher.

Was soll er jetzt tun? Hilfe holen, klar. Aber wenn der schon tot war, dann eilt es nicht. Dem kann niemand mehr helfen.

Sascha will in nichts hineingezogen werden. Man weiß ja, wie so was läuft. Nachher soll er noch schuld sein am Tod des Mannes. Sascha hat oft genug Tatort gesehen, er kennt sich aus. Wie schnell werden Unschuldige vor Gericht gezerrt. In Amerika werden Unschuldige sogar zum Tode verurteilt.

Nein, das ist nichts für ihn. Und wie gesagt, dem Ertrunkenen ist nicht mehr zu helfen.

So einen Hut trug der Pate, ein Mafiahut!

Sascha bekommt eine Gänsehaut. Das ist ja noch schlimmer. Bezahlte Mafiakiller werden ihn verfolgen. Er verliert sein Leben, seine Familie verliert den Ernährer.

Dann lieber Gefängnis. Seine Kinder werden ihn verleugnen, aber besser als der Tod. Sascha hat gar keine Kinder, übrigens auch keine Frau, aber das tut ja nichts zur Sache.  

Sascha schaut sich um. Er wird sich nicht einmischen. Das ist das Beste. Sich raushalten. Seine Ruhe haben.

Niemand zu sehen. Er kann sich verdrücken. Er hat nichts gesehen, nichts gehört, er weiß von nichts. Soll doch der Nächste, der vorbeikommt, die Polizei rufen. Soll der unschuldig ins Gefängnis wandern und auf dem elektrischen Stuhl enden. Oder im Kugelhagel umkommen. Er, Sascha, hat nichts damit zu tun.

Sascha wirft einen letzten Blick zum See. Der Wind ist noch stärker geworden und treibt den Hut immer näher heran. Jetzt aber weg.

Sascha dreht sich um und wird beinahe von einer Radfahrerin umgefahren. Sie kann ihm gerade noch ausweichen.

„He, passen Sie doch auf! Wollen Sie mich umbringen?“  Was sagt er denn da? Sein Herzschlag stolpert. Schweiß schwappt in seinen Schuhen.

Er ist entdeckt. Heutzutage sind sogar die Killer weiblich.

Die Frau wirft ihr Rad ins Gras.  Sascha fällt auf die Knie, streckt die Hände in die Luft. Schon hört er das Zischen der Kugeln.  Sein letzter Gedanke, bevor sie ihn in sein nasses Grab schickt, gilt seinen ungeborenen Kindern.

„Sorry”, sagt die Frau, springt ans Ufer, fischt den Hut aus dem Wasser.

„Meiner“, ruft sie.


erschienen in
6. Bubenreuther Literaturwettbewerb 2020
Hg. Christoph-Maria Liegener
tredition Verlag, 2020

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