Hinterm Mond nachts um halb eins

Erzählung erschienen in >Stiller Mond - Gefährte der Nacht<

Bodo starrt auf den Monitor, auf die geöffnete Datei. Er stellt sich vor, was dieser Artikel bewirken wird.

Er war für eine Recherche nach Pilgertal gekommen. Für eine Story, wie er sie immer zugeteilt bekam, einen Artikel über das Nachtleben auf dem Land.

Sein Kollege, Liebling vom Chefredakteur, sollte über das Nachtleben in der Hauptstadt schreiben. Eben!

Bodo hatte versucht, das Beste aus dem vorhandenen Nachtleben zu machen und die einzige offene Kneipe aufgesucht.

Er erinnert sich, dass er ein oder zwei Bier bestellte. Irgendwann war der Kneipenwirt immer nervöser geworden. Je später es wurde, desto zögerlicher füllte er Bodos Glas nach.

Als Bodo um kurz vor Mitternacht noch ein weiteres Bier bei ihm bestellte, weigerte er sich: „Sie müssen jetzt gehen. Sehen Sie zu, dass Sie von der Straße kommen.“ Er kassierte eilig und schloss die Tür, kaum dass Bodo draußen war.

Bodo schlug den Kragen seines Mantels hoch und treidelte langsam durch die unbeleuchteten Straßen. Außer ihm war niemand unterwegs. Nachts in Pilgertal steppte echt der Bär.

Irgendwann hatte sich Bodo schließlich einfach dort, wo er war, auf dem Bürgersteig an den Fahrbahnrand gesetzt. Im matten Mondlicht schimmerten die Richtungspfeile auf dem Asphalt. Klumpen aus matschigem Laub und verrotteten Blüten klebten auf dem Pflaster des Bürgersteigs. Die nächtliche Feuchtigkeit legte sich auf seine Haut. Es war so still als hätte jemand sein Gehör geraubt. Seine Blase drückte, ihm war schlecht und sein eigener Bieratem stank ihm in der Nase. Und immer noch wusste er nicht, was er schreiben sollte. Nachtleben in Pilgertal. Von wegen. Nachttod in Pilgertal, das traf es.

Plötzlich scharrte und knarrte es. Es bewegte sich etwas neben ihm. Es bewegte sich…

Es bewegte sich die Erde neben ihm!

Ein Erdbeben? Ein Vulkanausbruch?

Was er dann sah, ließ ihn zweifeln, ob er völlig gesund war. Bodo schüttelte den Kopf, rieb sich die Augen, schlug sich gegen die Schläfen, kniff sich in den Arm. Er hoffte, an irgendetwas zu merken, dass er träumte. Eine Ohnmacht, eine Art Koma vielleicht, ein Alptraum.


Auszug, erschienen in
Stiller Mond, Gefährte der Nacht
Hrsg.: Petra Pohlmann
Pohlmann-Verlag, 2019